Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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zulänglichen Landfläche und in einem viel zu engen
Lebensraum entwicklungsmäßig umgeschichtet werden —
kann nicht nur aus der Vogelschau ermessen werden.
Man wird dieses Werk, will man es objektiv beurteilen,
zumindest auch vom Boden oder vielmehr von unten aus
betrachten müssen. Und dann wird man wohl kaum
mehr von Verschwendung sprechen können."

Mit dieser Antwort kann man sich wohl einverstanden
erklären. Aber wie ist es denn mit dem „Festefeiern für
die Architekten", mit dem „experimentalen, sport-
mäßigen" Bauen? Es wäre falsche Taktik, sich so zu
stellen, als wäre mit diesen Angriffen nicht auch der
Deutsche Werkbund, ja gerade er, getroffen.
Und das internationale Ansehen des Deutschen Werk-
bundes verlangt eine Antwort.

Gewiß sind im deutschen Bauwesen Experimente ge-
macht worden, und der Werkbund hat sein gut Teil zu
diesen Experimenten beigetragen, in denen er eine Er-
füllung von Lebensnotwendigkeifen sah. Eine gerechte
Würdigung setzt allerdings ein gewisses Maß von gutem
Willen voraus. Was den guten Willen Garretts an-
langt, so weckt der Verfasser selbst Zweifel, da er in
seinem sehr ausführlichen Aufsatz kein einziges V/ort
über das Problem des deutschen Außenhandels findet:
was würde er wohl gesagt haben, wenn die Auslands-
kredite restlos in Anlagen der Exportindustrie verwandelt
worden wären und damit zv/ar zu verstärkten Rückzah-
lungen, aber auch zu einer noch weit gefährlicheren Be-
drohung aller Auslandsmärkte geführt hätten? Und
warum schweigt er über die ständige Erhöhung aller
Zollmauern der Welt, nicht zuletzt der amerikanischen?

Mit etwas gutem Willen aber wird man auch in den
kreditgebenden Ländern verstehen können, daß im deut-
schen Bauen Experimente nötig waren. Ja, man hat es
bereits verstanden: die Ausstellungen, die unter
tätiger Mitwirkung des Werkbundes in Amerika und
Frankreich veranstaltet worden sind, haben es ge-
zeigt. Gegen unendliche innere Hemmungen und
Schwierigkeiten, tastend und gewiß nicht ohne Fehl-
schläge, hat sich doch der kulturelle Wille zu strengster

Einfachheit und Sachlichkeit im ganzen durchgesetzt. Und
ohne Unbescheidenheit kann man aussprechen, daß die
deutschen Experimente nicht ohne Zusammenhang mit der
internationalen Kulturwelt und sogar nicht ohne Nutzen
für sie gemacht worden sind.

Mächler schließt seinen bereits zitierten Aufsatz mit
einem Hinweis auf die steigenden Arbeitslosenziffern des
Baugewerbes und auf ihren Zusammenhang mit dem all-
gemeinen Steigen der Arbeitslosigkeit; wenn
auch diese Zahlen sich auf das wirtschaftlich schwächste
unter den großen Völkern beziehen, so sei doch zu be-
denken, „daß dieses Volk im gleichen abwärts gerichteten
Entwicklungsstrom liegt wie die anderen Völker, für die
die historische Erkenntnis ,Ein Volk, das nicht
baut, stirbt' die gleiche Bedeutung hat wie für
Deutschland". Muß es nicht nachdenklich stimmen, an
dem Gegenbeispiel Rußlands zu sehen, wie
stark der Lebenswille und die Lebenskraft eines aufstei-
genden Volkes sich offenbart in einer ungeheuer ge-
steigerten Bautätigkeit?

Die Masse allein tut's freilich nicht. Und wenn
Garrett sich konzentriert hätte auf eine kritische Prüfung
der Frage, ob denn in Deutschland nun auch immer bau-
politisch, wirtschaftspolitisch, siedlungspolitisch die rich-
tige konstruktive Linie eingehalten worden sei, so wäre
zugleich seine Position besser und die Diskussion mit ihm
fruchtbarer. Gerade der Werkbund aber, gerade die
Kräfte, die sich fürs Experimentieren eingesetzt haben,
können für sich in Anspruch nehmen, von jeher für Q u a I i-
t ä t gekämpft, an der materiellen, formalen und wirt-
schaftlichen Klärung und Schärfung des Qualitätsbegriffs
gearbeitet zu haben — was denn freilich nicht ohne Experi-
mente möglich ist. Wenn Garrett seinen Aufsatz — ob
ironisch oder im Ernst, sei dahingestellt — „Deutschlands
Rettung" überschreibt, so muß ihm geantwortet v/erden:
Deutschlands Volk und Deutschlands Produktion können
nur durch Qualität gerettet werden, Qualität der Pro-
dukte, Qualität der Menschen, Qualität der sozialen und
kulturellen Lebensbedingungen, und eins ohne das
andere ist unmöglich.

Krankenhaus und Kloster

Eine neue Schöpfung von Dominikus Böhm, Köln

Foto : H. Schmölz, Köln

Blick gegen den Krankenhausflügel

Vue de l'aile renfermant l'hopital
View towards the hospital wing

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