Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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hat die Mittel für den zweiten Abschnitt dieser doch an sich
schon recht bescheidenen Aktion auf 23 Millionen festge-
setzt, d. h. um 27 Millionen niedriger als für den ersten
Abschnitt. Der bisherige Reichskommissar Dr. Saassen
hat zum Abschluß seiner Tätigkeit einen Bericht erstattet,
in dem er mitteilt, daß im ersten und zweiten Abschnitt
zusammen rd. 27 000 vorstädtische Kleinsiedlungen und
80 000 Kleingärten „gefördert" werden; damit soll die
Aktion, bei der kinderreiche Familien bevorzugt werden
sollen, etwa 535 000 Menschen zugute kommen. Man kann
jedoch als Kleinstsiedler auch nach amtlichem Material
hiervon höchstens 135 000 Menschen rechnen, nämlich in
den 27 000 Siedlungsstellen ebensoviel Familien mit je
5 Köpfen. Sodann betont der Bericht des ehemaligen
Reichskommissars selbst, daß der Erfolg „nicht so sehr
durch die Errichtung der Siedlungen als vielmehr durch
das Ergebnis ihrer Bewirtschaftung bedingt" sei. Damit
ist der problematische Charakter der Aktion richtig, wenn
auch naturgemäß vorsichtig, nunmehr von amtlicher Stelle
angedeutet. In diesen Blättern ist ja genug davon die Rede
gewesen. Die einfache Frage, wovon die Siedler leben
werden, scheint uns auch heute nicht ausreichend geklärt.

Einen sehr lehrreichen Beitrag zu dieser Frage hat
Leberecht M i g g e vor kurzem unter dem Titel „Neuord-
nung der Stadtlandsiedlung" in „Siedlung und Wirtschaft"
veröffentlicht und auch als Sonderdruck herausgegeben.
Es handle sich hier trotz aller Versicherungen praktisch
doch wieder um Wohnungsbau schlechthin; Sinn und
Zweck der Stadtlandsiedlung, nämlich früher oder später
neben der Arbeitsbeschaffung die Allgemeinheit weniger
oder mehr zu entlasten, werde nicht erreicht; einer sach-
lich hervorragenden Konzentration aller wesentlichen
Mittel auf das Siedlerhaus stehe gegenüber Vernach-
lässigung des Siedlungsbodens und seiner Ausrüstung,
Mangel an Geräten und Pflanzenbestand, ungenügende
Wasserversorgung, keine Vorsorge für die Abfallfrage,
keine Schulung und Führung der Siedler selbst. Migge
wundert sich über die ewig wiederkehrenden Kinder-
krankheiten der Kolonisation und ruft zur Abhilfe. Seine
Vorschläge beruhen auf reicher Erfahrung und sind lesens-
wert. Migge ist ein Sachverständiger und Techniker, und
in unserm System ist es immer das Schicksal der Fachleute,
sich darüber zu wundern, daß man nicht auf sie hört, weil
ihnen der Blick für das Ganze des Systems fehlt, dieses
Ganze, das durch tausend Widersprüche und Halbheiten
sich zähflüssig und qualvoll weiterschiebt. Die deutschen
Techniker aller Gebiete gehören zu den ersten Fachleuten
der Welt. So auch Migge. Aber dem hundertprozentigen
Rationalismus ihres versachlichten Denkens ist es kaum je

gegeben, sich in die Totalität des geschichtlich bewegten
Geschiebes hineinzufühlen, von dem wir alle fortgetragen
werden. Der gesellschaftliche Umformungsprozeß, in dem
wir (in Deutschland seit etwa 80 Jahren) drinstehen und
dessen Tempo uns nur manchmal, wie eben jetzt, etwas
deutlicher zu Bewußtsein kommt, duldet keine vollkom-
menen Teillösungen. Wer diesen historischen Prozeß
sieht, braucht sich keinen Augenblick darüber zu wundern,
daß die Stadtrandsiedlung in Halbheiten und Fehlern
stecken blieb und weiter stecken bleiben wird. Daß Migge
sich wundert, das zeigt seine Grenzen. Trotzdem bleibt
lesenswert und lehrreich, was er schrieb.

Es wird mit der ländlichen Siedlung nicht viel anders
sein. Um die Wendung auf diesem Gebiet zu registrieren:
der Reichsernährungsminister hat angekündigt, daß neben
den für laufende Siedlungsarbeiten zur Verfügung stehen-
den 50 Millionen noch einmal derselbe Betrag bereitge-
stellt werden soll; davon sollen bis zu 10 000 neue Stellen
mit insges. 400 000 Morgen geschaffen werden; das frü-
here Programm sprach von 2 Millionen Morgen. Daneben
sollen 25 Millionen für Meliorationszwecke zur Ver-
fügung gestellt werden. Der kritische Punkt ist auch hier
die Frage der künftigen Lebensfähigkeit dieser neuen
ländlichen Ansiedler. Vielleicht wäre zu überlegen, ob
hier nicht ein wertvolles Aufgabengebiet erwächst. Man
könnte sich denken, daß diese neuen Siedler für die Zeit
der winterlichen Arbeitsstille sich zu gewerblichen Ar-
beiten zusammenfinden; von alters her wurden in der ge-
mäßigten Zone von Bauern solche Winterarbeiten herge-
stellt, und zwar bekanntlich oft Arbeiten von gutem
Niveau. Sicher ist an diesem Gedanken noch alles frag-
würdig: wird sich ein Markt finden, wie wäre Schulung,
Besonderheit, Qualität zu erreichen, wie könnte verlege-
rische Ausbeutung vermieden werden? Wir wissen alle
diese Fragen im Augenblick nicht zu beantworten, aber
vielleicht geben sie Anstoß zu einer Diskussion. Dabei
sollte nicht vergessen werden, daß — im Unterschied zu
alten Dörfern — die kulturelle Lebensform solcher neuer
Siedlungen sich überhaupt erst neu bilden muß; Migge
(um ihn nochmals zu zitieren) spricht sehr gut von der
„latenten Hoffnungslosigkeit örtlicher Leeren", die bei der
Landsiedlung psychologisch überwunden werden müsse.
Alte Siedlungspraktiker, sehr nüchterne Leute, wissen zu
erzählen, daß die Menschen aus der Ode neu geschaffe-
ner Dörfer ohne geistige und kulturelle Anregung bald
wieder fortstreben. Daß man dabei durchaus an eine
gewisse Primitivität denken muß, an ein Fundament und
nicht an Höhenlage und Spitzenleistung, versteht sich am
Rande. Alexander Schwab

Buchbesprechung

Joseph Gantner: Revision der Kunst-
geschichte. Prolegomena zu einer Kunstgeschichte
aus dem Geist der Gegenwart. — Mit einem Anhang:
Semper und Le Corbusier, eine Rede. — Wien 1932,
Verlag Anton Schroll & Co.

Diese sehr verdienstliche und gescheite Schrift geht den
Werkbund näher an als der Titel vermuten läßt. Sie be-
rührt sich in einem Hauptgedanken sehr eng mit einer For-
derung, die der Deutsche Werkbund schon vor einer Reihe
von Jahren aufgestellt und sogar als förmlichen Antrag an
die Kultusministerien der deutschen Länder hat gelangen
lassen: es möchten zur Behandlung der Fragen der Gegen-
wartsgestaltung Lehrstühle errichtet oder Lehraufträge er-

teilt werden, um auf diese Weise die jüngere Generation
auf die entscheidende Wichtigkeit dieser Fragen hinzu-
weisen und ihr die heute noch allgemeine Unsicherheit in
dem Verhalten zu der neuen Gestaltung zu benehmen.
Dieser Antrag hatte weiter keine Folgen, und ähnlich er-
ging es einer Denkschrift, die einige Jahre später unter
Berufung auf jenen Antrag des Werkbunds von mehreren
Professoren einer preußischen Universität an das Kultus-
ministerium gerichtet wurde. Der Referent nahm keinerlei
Notiz von ihr, obwohl ihr ein sehr lehrreicher Nachweis
beigefügt war: daß in jenem Semester an den preußischen
Universitäten rund 70 Stunden über antike Kunst, rund 180
über Mittelalter und Renaissance, rund 10 Stunden über

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