Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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1923/24 Ernst Kropp Ecke eines Arbeitszimmers 1920 Ernst Kropp

Schrank, die Türen in Holzgelenken ausgearbeitet

Der Kampf um die deutsche Kultur

W. R I E Z L E R

Mit seltsamen Gefühlen denkt man heute an jenes schöne
und selbstlose Wort zurück, das Theodor Fischer 1908 ge-
sprochen hat: das Ziel des Werkbundes sei, sich über-
flüssig zu machen. Die damals gestellte Frist von zehn
Jahren ist längst vorüber, und wenn jemand heute den
Werkbund für überflüssig hält, so tut er es — von den Fein-
den abgesehen, die uns heute wie damals mit Haß und
Verachtung verfolgen — höchstens in dem kleinmütigen
Gedanken, daß alle diese Arbeit doch umsonst, der Kampf
für den Werkbundgedanken doch aussichtslos sei. Diesen
Kleinmut wollen wir uns gewiß nicht zu eigen machen, —
wenn auch keiner von uns, die wir damals den Kampf auf-
genommen haben, gedacht hat, daß der Weg so weit, der
Erfolg so bescheiden sein würde. Wir haben alle geglaubt,
daß der Gedanke der „Veredlung der gewerblichen Ar-
beit" sich mit sieghafter Gewalt sehr bald selbst durch-
setzen würde, und daß es ein leichtes sein müsse, den histo-
rischen Formalismus, der doch nur ein Krankheitssymptom
des sterbenden neunzehnten Jahrhunderts war, zu über-
winden. Dieses letztere ist allerdings inzwischen gelungen,
und die ersten Umrisse einer völlig neuen, sehr charakter-
vollen und innerlich begründeten Baukunst und darüber
hinaus einer allgemeinen neuen Formenwelt sind nicht
mehr zu übersehen. Aber mit Entsetzen muß man sehen,
wie leicht heute schon wieder diese kaum gefundene neue
Form in einen üblen Formalismus entartet, wie weit wir noch
von der Sicherheit entfernt sind, die es auch dem kleinen
Talente gestattet, etwas echt Geformtes hervorzubringen.
Noch immer ist der Zustand nicht überwunden, daß jede
Form sofort modischem Mißbrauch zum Opfer fällt. (Welche
Mißformen sehen wir etwa beim neuen Möbel da, wo die

Industrie die neue Form im Dienste der Mode auswertet!)
Und was die „Veredelung der Arbeit" anlangt, so sind
sicher viele der Forderungen, die der Werkbund aufge-
stellt und immer wieder mit Nachdruck vertreten hat, in-
zwischen verwirklicht worden. Im einzelnen braucht das
an dieser Stelle nicht ausgeführt zu werden. Aber man
braucht nur an die großen Messen zu denken, um sich dar-
über klar zu sein, daß immer noch der Schund wahre
Orgien feiert. Und wenn auch die Erschütterung des Wirt-
schaftslebens durch den Krieg sicherlich der Durchsetzung
der „Qualitätsarbeit" hemmend im Wege stand, so kann
man diesem Umstand nicht die ganze Schuld geben:
immer noch ist die Gesinnung weiter Kreise allem Echten
und Soliden abgeneigt. Und gegen die Macht dieser Ge-
sinnung vermag der Werkbund offenbar nichts oder doch
nur herzlich wenig.

Hier stehen wir allerdings vor einer Mauer, deren Festig-
keit die meisten von uns unterschätzt haben. Wir haben zu
wenig bedacht, daß die Entwicklung, in die wir eingreifen
wollten, in einer Tiefe vor sich geht, in der der bewußte
Wille nichts vermag. Wenn die große Mehrzahl der Zeit-
genossen den Schein dem Sein, das Unechte und Modische
dem Echten und Bleibenden vorzieht und wenn auch viele
von denen, die besten Willens sind, immer wieder auf Irr-
wege geraten, so ist das Symptom einer Erschütterung der
Grundlagen, auf denen unser ganzes Dasein ruht. Diese
Erschütterung braucht nicht, wie Spengler meint, zu bedeu-
ten, daß es mit unserer Kultur zu Ende geht: sie kann eben-
sogut anzeigen, daß sich ein Neues vorbereitet, das sich
noch nicht zu echter Struktur verfestigt hat. Ob es ein Mittel
gibt, diese Festigung zu sichern oder zu beschleunigen, ist

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