Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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einst sehr angesehenen und verbreiteten Romanliteratur
der Goethezeit das Bild einer höchst minderwertigen, hoff-
nungslos versumpften Gesellschaft ableiten!) Es ist nur
schädlich, sich mit diesen Erscheinungen allzuviel zu be-
schäftigen, da sie dadurch mehr beachtet werden als sie
verdienen. Ernster zu nehmen ist der Kampf gegen jene be-
kannten und vielbesprochenen Äußerungen einer über-
scharfen, nicht nur lieblosen sondern oft an Verachtung
grenzenden Kritik am deutschen Wesen selbst. Man sieht
darin fälschlicherweise ein Anzeichen der drohenden Ver-
nichtung des deutschen Ansehens in der Welt, — während
in Wirklichkeit festzustellen ist, daß das Ausland seit dem
Kriege sich mehr als vorher um ein Verständnis des deut-
schen Wesens bemüht. Und was die Wirkung dieser Kri-
tik auf die Deutschen selbst anlangt, so muß man sagen,
daß Kritik dem Deutschen noch niemals geschadet hat,
auch wenn die Form überscharf war, und daß umgekehrt
die Unterdrückung der Selbstkritik dem Deutschen ganz be-
sonders schlecht bekommt.

Der Kampf, den der größte Teil des Bürgertums heute
gegen die neuen Gestaltungstendenzen und alles, was da-
mit zusammenhängt, führt, ist kein Ruhmestitel für Deutsch-
land. Denn er ist aus der Furcht geboren. Man traut sich
nicht mehr die Kraft zu, mit dem, was an Gefährlichem in

diesen Tendenzen enthalten ist, aus eigener Kraft fertig zu
werden und ruft daher nach der Polizei. Man hat Angst
vor der tiefen Beunruhigung, die nun heute einmal durch
die Welt geht, und zieht sich vor ihr in das Schneckenhaus
einer geistigen Autarkie zurück. „Autarkie" heißt „Selbst-
genügsamkeit", und das ist schon beinahe geistiger Tod,

— heute mehr als je, da die ganze geistige Entwicklung
nach „Weltoffenheit" verlangt. Diese Weltoffenheit war
immer ein Vorzug der Deutschen — auch die Baumeister
der deutschen Dome und die Bildhauer von Bamberg und
Naumburg waren weltoffen! —, und wenn es heute über-
haupt noch eine Arbeit im Dienste der Kultur gibt, so kann
sie fruchtbar nur sein im Kampf gegen die einengenden
Tendenzen, die sich heute auf allen Seiten vordrängen.
Diesen Kampf hat auch der Deutsche Werkbund zu führen,

— nicht zugunsten einer „Internationale", sondern ganz
allein mit dem Ziele, den schöpferischen Kräften Deutsch-
lands zur freiesten Entfaltung zu verhelfen. Nicht nach
irgend einem Wunschbild, und sei dieses noch so schön,
an einer noch so großen Vergangenheit orientiert, können
wir die deutsche Kultur gestalten, sondern nur gemäß den
Kräften, die vorhanden sind. Wir müssen sie so wachsen
lassen, wie es ihre Natur verlangt, — mehr ist dem Men-
schen nicht gegeben!

Qualitative Erneuerung

Die Position der Negation in der abendländischen Kulturentwicklung

MARTIN MÄCHLER

Es ist das unentrinnbare Schicksal menschlicher Entwick-
lung, sich von Aufbau zu Umsturz und von Umsturz zu Auf-
bau zu entwickeln. Hegel hat in seinem großen System
den Gedanken der Dialektik entwickelt, d. h., er ist zu der
ungeheuer fruchtbaren Erkenntnis vorgedrungen, daß es
im Grunde Negation nicht gibt, sondern daß jede Nega-
tion zwar eine gegebene Position verneint, ihrerseits in der
Weltentwicklung aber unbedingt immer von einer neuen
Position abgelöst wird, von einer Entwicklungsreihe, die
Hegel selbst als „Position der Negation" bezeichnet, und
die nichts anderes als eine qualitative Erneue-
rung bedeutet, deren die Welt von Zeit zu Zeit bedarf,
weil sie nicht nur quantitativ, sondern vor allen Dingen
auch qualitativ leben will. So sind alle auf den ersten
Blick negativen Epochen der Weltentwicklung in gewan-
delter Beziehung zugleich als positive Entwicklungsepochen
zu werten.

Exemplifizieren wir etwa auf die Reformation, so
liegt es dem Norddeutschen, als dem eigentlichen
Kinde dieser Zeitepoche, außerordentlich nahe, sie als
positive Entwicklungszeit aufzufassen. Auf keinen Fall
aber ist in objektiver Betrachtungsweise zu verkennen, daß
sie die grandioseste Negation von Kaisertum und Papst-
tum, des festen Doppelfundaments also, bedeutet, auf dem
die gesamte von uns mit dem nicht eben guten Namen
Mittelalter bezeichnete Geschichtsepoche aufgebaut ist.
Wer kann verkennen, daß dieses große Entwicklungsmerk-
mal Reformation in mindestens ebenso eminentem Sinne
eine negative Epoche gewesen ist, wie wir auf der an-

deren Seite das Recht haben, sie als positive Epoche zu
kennzeichnen.

Reformation, Gegenreformation und Dreißigjähriger
Krieg, auf der einen Seite Negation von Kaisertum und
Papsttum, auf der anderen Seite Position im materiellen
Sinne durch Entstehung der modernen Staaten und Ent-
wicklung des modernen transozeanischen Welthandels und
im geistigen Sinne Grundlage aller Geistesfreiheit, durch
die sich neuzeitliches geistiges und technisches Leben vom
kirchlichen Dogma überhaupt erst freimachen und zu selb-
ständigen Erlebnissen gelangen konnte.

So stellt sich ein und dieselbe Entwicklungsepoche als
gleich grandiose Position und Negation dar.

Auch wir Kinder des 20. Jahrhunderts leben seit 18 Jah-
ren in einer auf den ersten Blick nur als Negationsepoche
sich darstellenden Zeit der Weltentwicklung. Weltkrieg,
Revolution, Bolschewismus und Nationalsozialismus, Infla-
tion und Deflation, ein rapid zunehmender Wirtschafts-
und Verkehrsniedergang, eine im gleichen Tempo stei-
gende Arbeitslosigkeit bezeichnen mit den ungeheuer-
lichen Zerstörungen an Gut und Blut, die sie im Gefolge
gehabt haben, eine Negation in des Wortes verwegen-
ster Bedeutung. Hoffnung und Kraft für die Zukunft aber
können diejenigen, die den Sturm fast zu ihrer eigenen
Verwunderung überlebt haben, nur aus dem Gedanken
schöpfen, daß diese mächtige Negationsepoche zugleich
eine ebenso grandiose Positionsentwicklung im geistigen
und materiellen Sinne in sich bergen und für den abend-
ländischen Kulturkreis eine qualitative Erneuerung im Ge-
folge haben muß.

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