Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Verkehrswerbung, deutsche Lebensform
und Kulturpropaganda

PAUL RENNER

„Verkehrswerbung" ist ein Wort aus dem nicht be-
sonders edlen neu-deutschen Sprachschatz. Bei Wer-
bung dachte man früher an geworbene Söldner oder
wohl auch an eine umworbene Braut; heute meint
man damit gewöhnlich industrielle Propaganda, also
Werbung von Käufern und Kunden. Man unter-
scheidet da Werbung des Einzelhandels, Werbung
des Fabrikanten für seinen Markenartikel und Ge-
meinschaftswerbung ganzer Industriezweige, etwa
die Propaganda für gesteigerten Milch- oder Fisch-
konsum, oder für den Kauf deutscher Waren. Eine
solche Gemeinschaftswerbung ist die von der Reichs-
bahnzentrale unternommene deutsche Verkehrspro-
paganda. Die „Ware", für die hier geworben wird,
ist ein Reiseaufenthalt in Deutschland. Daß die deut-
sche Verkehrswerbung in der Reichsbahnzentrale für
deutschen Reiseverkehr zusammengefaßt ist, könnte
vermuten lassen, es käme der Zentrale mehr auf die
Reise als auf den Aufenthalt selbst an. Doch heißt
es in einer Erklärung ihres Leiters ausdrücklich, daß
keinerlei Reisegeschäfte verfolgt, sondern eine „rein
ideelle Propaganda" betrieben werden soll. Wenn
auch nicht ganz klar ist, was hier mit dem „rein Ide-
ellen" gemeint ist, so will jedenfalls die Zentrale
allen am Fremdenverkehr interessierten Kreisen nütz-
lich sein, also jedem, der am Reisepublikum verdienen
will. Dazu gehört aber mittelbar die gesamte Volks-
wirtschaft, die mehr denn je auf eine aktive Zahlungs-
bilanz angewiesen ist. Da hier so große allgemeine
Interessen mit öffentlichen Mitteln betreut werden,
darf man vielleicht auch einmal öffentlich Kritik üben.

Es liegt mir dabei fern, die ungewöhnliche und
auch vom Ausland zuweilen mit Neid bewunderte
Leistung dieser Behörde herabzusetzen oder ihren
vom besten Willen beseelten und fleißigen Beamten
etwas am Zeuge zu flicken. Hier wird wirklich eine
große Arbeit bewältigt. In jedem Jahre entstehen
neue deutsche Verkehrsbücher, neue Sonderschrif-
ten und Faltblätter in allen möglichen Sprachen der
Welt, Terminkalender,Abreißkalender, Plakate, Eisen-
bahnbildschmuck und andere Werbemittel. In unge-
zählten Frachtsendungen und in jährlich mehr als
40 000 Postpaketen wird das Werbematerial von der
Zentrale an ihre ausländischen Vertretungen und an
die Reisebüros aller Länder verschickt: nach dem
Grundsatz, daß kein Material unverlangt zugeteilt
wird. Es besteht ein Pressedienst in deutscher, eng-
lischer, spanischer, portugiesischer, schwedischer,

finnischer, holländischer, französischer und italieni-
scher Sprache. Leiter und Auskunftsbeamte aus-
wärtiger Auskunftbüros werden zu Informationsreisen
nach Deutschland eingeladen. Vortragsredner und
Filmgesellschaften werden veranlaßt, Deutschland zu
bereisen und hier Filme zu drehen. Nach sorgfältig
ausgearbeiteten Plänen wird in ausländischen Zeitun-
gen und Zeitschriften inseriert; auf Bahnhöfen und
anderenorts wird plakatiert. (Schon hier ist eine kri-
tische Bemerkung nicht zu unterdrücken: weshalb
muß auf deutschen Bahnhöfen für die Verkehrsplakate,
wenn sie nicht mit einem Fahrplan kombiniert sind,
Miete gezahlt werden? Damit erschwert doch die Bahn
die Verbreitung eines Werbemittels, das ihr selber
dient und überdies volkserzieherischen Wert hat. Die
Schweizer Bahnhöfe mit ihren schönen, großformati-
gen Landschaftsplakaten, die dem Reisenden recht
eigentlich erst die Augen für die Schönheit und
Farbigkeit der Landschaft öffnen, sind in der ganzen
Welt bekannt.) Die Reichsbahnzentrale unterhält
Auskunftsstellen und Auslandsvertretungen in fast
allen Ländern. Wenn wir noch erwähnen, daß bei
ihr jährlich mehr als 33 000 Briefe eingehen und, von
Rundschreiben und Formularen abgesehen, mehr als
43 000 Briefe verschickt werden, dann wird man einen
Begriff haben von dem großen und exakt arbeiten-
den Apparat dieser Zentralstelle.

Aber weil durch ihre Propaganda heute, mehr als
man gewöhnlich ahnt, die Vorstellung geformt wird,
die sich das Ausland von uns macht, weil diese Pro-
paganda geradezu die Aufgabe hat, dem Ausland
ein Bild von Deutschland zu geben, so haben wir
allen Grund, uns für ihre Arbeit zu interessieren,
auch wenn wir unmittelbar mit dem Fremdenverkehr
nichts zu tun hätten. Kritik an Einzelheiten ist wohl-
feil und fruchtet wenig; wir wollen es einmal auf
eine andere Art versuchen. Die Volkswirtschaftslehrer
haben zwar immer noch nicht die Frage beantwortet,
ob die kranke Wirtschaft durch eine straffere Wirt-
schaftsplanung wieder gesund werden kann oder
ob die Wirtschaft erst krank geworden ist, weil an
ihr mit soviel Wirtschaftsplanung herumgedoktert
wird; doch versuchen wir einmal, flüchtig das Arbeits-
gebiet einer auf weite Sicht geplanten Verkehrswer-
bung, eines Fünfjahresplanes deutscher Verkehrs-
werbung zu umreißen. Wie müßte man da vor-
gehen?

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