Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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kämpft die einen wie die anderen, weil man
Echtes und Unechtes nicht zu unterscheiden ver-
mag. Oder man sucht aus der Betrachtung
großer alter Kunst allgemeingültige Maßstäbe zu
gewinnen, an denen man die Kunst der Gegen-
wart mißt, und schaltet dabei den äußerst
schwierigen, noch längst nicht geklärten Begriff
der „Rasse" ein, von deren Bedeutung für das
künstlerische Schaffen wir noch herzlich wenig
wissen. Inwieweit schöpferische Begabung ein
Vorrecht bestimmter Rassen (im anthropologischen
Sinne) ist, wissen wir noch nicht zuverlässig, und
wenn auch der Anteil der germanischen oder
„nordischen" Rasse an der großen Kunst des
letzten Jahrtausends leicht festzustellen ist, so ist
damit noch lange nicht gesagt, daß „nordische"
Kunst immer so aussehen müsse. Van Gogh,
Münch, Barlach und Nolde (dieser letztere auch
vom Rassestandpunkt ein rein nordischer Mensch)
— das ist die „nordisch-germanische Kunst"

Siedlung und Arbeit

Fragen, die wir für die nächste

WILHELM LÖTZ

Unser volkswirtschaftlicher Mitarbeiter Alexander
Schwab hat in seiner Rundschau für Bauwirtschaft und
Baupolitik schon wiederholt auf die Erwerbslosen-
siedlungen hingewiesen, auf die Tatsache, und nicht min-
der auf die Probleme, die uns damit in wirtschaftlicher
und kultureller Hinsicht erwachsen. Die Fachzeitschriften
haben in den letzten Nummern des vergangenen Jahres
sich auch sehr lebhaft mit diesen Fragen beschäftigt, aller-
dings vorwiegend vom architektonischen Standpunkt aus.
Viel ist dabei nicht herausgekommen. Zu den besten ge-
hören die von dem jungen Architekten Wachsmann in der
„Bauwelt" veröffentlichten Pläne für Kleinholzhäuser, die
trotz einiger Mängel in den wichtigsten Richtlinien syste-
matisch durchgebildet sind. Wir hatten unseren Lesern in
einer kleinen Fußnote versprochen, daß wir das erste
Heft des neuen Jahrgangs den kulturellen und wirt-
schaftlichen Problemen der Erwerbslosenaussiedlung wid-
men. Aber es hat sich doch gezeigt, daß dabei die
Fakten, das heißt in diesem Falle die Vorstellungen, die
sich die verschiedenen Köpfe und Behörden von der Auf-
gabe machen, noch nicht genügend geklärt sind. Diesem
Mangel könnten wir ja nun versuchen, mit einem ge-
schlossenen Programm entgegenzutreten. Aber bei nähe-
rer Betrachtung der Aufgaben haben wir die Überzeu-
gung gewonnen, daß vor allen Dingen die geistigen und
kulturellen Grundlagen dieses Problems ganz gründlich
durchdacht und durchdiskutiert werden müssen. Wir
wollen deshalb zuerst einmal versuchen, diese Grund-
lagen anzudeuten, und wollen in den kommenden Heften
aus den verschiedensten Lagern von den verschiedensten
Standpunkten sie diskutieren lassen.

Eines sei mit aller Deutlichkeit gesagt: Wir betrachten
die Aussiedlung der Erwerbslosen in diesen schwierigen
Tagen nicht als eine vorübergehende Notmaßnahme,
und wir betrachten sie nicht isoliert, sondern im Zu-

unserer Zeit! So einfach liegt die Sache nicht,
daß man gute und schlechte, wertvolle und wert-
lose, gesunde und kranke Kunst an Rassemerk-
malen und an dem Verhältnis zu großer alter
Kunst unterscheiden könnte — es gehört etwas
mehr dazu, vor allem lebendiges Gefühl und
künstlerischer Sinn, daneben aber auch einige
„Kennerschaft", d. h. ein durch Schulung ge-
wonnenes Wissen um die realen Tatbestände.
Wer aber den unsagbaren Kitsch von Hermann
Hendrich für echte deutsche Kunst hält, nur weil
es Bilder aus der Nibelungensage sind — bei
dem ist die Entscheidung über Gut und Schlecht,
über Deutsch und Undeutsch wahrhaftig in
schlechten Händen!

So sehen wir die Lage — an diesen Fronten
wollen wir kämpfen. Und in diesem Kampf
rechnen wir auf die Bundesgenossenschaft aller
derer, denen die Zukunft der deutschen Kultur
am Herzen liegt.

n Hefte zur Diskussion stellen

sammenhang mit größeren Geschehen und im Rahmen
einer längeren Zeitspanne. Es handelt sich nicht darum,
daß einige Menschen, die keine Arbeit mehr finden,
draußen sich ihre Bretterhütten errichten, um dort kärglich
von dem bißchen Land ihr Leben fristen zu können. Es
ist notwendig, dies augenblickliche Geschehen der Aus-
siedlung von Erwerbslosen von zwei Gesichtspunkten her
zu betrachten, vom kulturellen und geistigen und vom
wirtschaftlichen. Betrachten wir es vom kulturellen und
geistigen, so gehört diese Frage der Aussiedlung hinein
in eine große Bewegung, die sich mindestens seit etwa
10 oder 20 Jahren vollzieht, die wir vorerst einmal die
Flucht aus der Stadt zur Natur nennen wollen. Diese
Flucht ist weniger eine auf breiter Basis erwachsene
grundsätzliche Verneinung der Stadt, sondern ein Stück
Lebensgestaltung. Vielleicht liegen die ersten Ursprünge
dieser Flucht in der Jugendbewegung vor dem Kriege.
Ein gutes Stück Romantik kann dieser Bewegung in ihren
Anfängen nicht abgesprochen werden, und ein Vergleich
mit den ersten Anfängen einer neuen Gesinnung im
Kunsthandwerk, wie sie sich in England unter Ruskin und
Morris dokumentierte, liegt gar nicht so weit ab. Wir
wollen in einem der kommenden Hefte von einem Kenner
des Gebietes untersuchen lassen, wie jene Jugend-
bewegung begonnen hat, wie sie sich gewandelt hat,
und vor allen Dingen, wie sie zu den Fragen der Men-
schengestaltung, der Frage des Kollektivs und den
Fragen des technischen Fortschritts steht. Heute jeden-
falls ist immer stärker wahrzunehmen, daß die Menschen,
vor allen Dingen die Großstädter, versuchen, den engen
alten Begriff des Wohnens als Vorgang, der sich nur
innerhalb der Wohnung abspielt, zu erweitern und ganz
planmäßig einen Teil des Lebens, die Freistunden,
draußen zu verbringen. Der Sonntagsausflug gehört in
das Programm des Bürgers. Die Zeltstadt und die Wohn-

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