Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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streiten kann, aber die Siedlung ist nicht für den Bau-
wissenschaftler oder Theoretiker gebaut, sondern für
den Bewohner. Eines allerdings überrascht, nämlich
daß, wenn man von den Ausländern absieht, die
ältere Generation der Architekten immer noch die in-
teressantesten Einfälle hat, Einfälle, nicht nur in for-
maler, sondern auch in gestalterischer Beziehung.
Demgegenüber sind die Häuser der Jüngeren viel ein-
heitlicher, viel mehr aber auch nach einem einzigen
Schema geordnet. Mögen die Arbeiten noch so sau-
ber und gut durchdacht sein, so kann man doch noch
nicht behaupten, daß diese Typen schon so weit und
reif sind, daß wesentliche gestalterische „Einfälle"
überflüssig seien. Diese Situation ist nicht nur eine rein

österreichische, sondern sie ist auch die gleiche in
Deutschland.

Man muß dem österreichischen Werkbund sehr
dankbar sein, daß er eine Aufgabe aufgegriffen hat,
die in hohem Maße aktuell ist, auch für Deutschland
und wahrscheinlich auch für den gesamten europä-
ischen Kulturkreis, nämlich das billige Einfamilienhaus.
Allerdings wird es notwendig sein, einmal grundsätz-
lich zu untersuchen, ob diese Form des Einfamilien-
hauses nicht doch möglichst in eingeschossiger Bau-
weise zu lösen ist. Aber auch hierfür sind in der Sied-
lung einige und zwar recht interessante und gut durch-
geführte Beispiele zu sehen.

Bemerkungen

zur Werkbundausstellung Wien-Lainz 1932

HUGOHÄRING

Streng genommen sind die Wiener nicht modern, denn
sie machen noch Ornamente. Sie legen Wert auf Wohn-
lichkeit und Intimität und halten sich die Sachlichkeit vom
Leibe. Sie reden nicht von Funktionalismus, sie suchen nicht
den Ausdruck der Zeit, sie wenden sich nicht verächtlich
ab, wenn ihnen eine historische Form begegnet. Soweit
Ornamentlosigkeit ein Merkmal der Moderne ist, sind die
Wiener nicht modern (doch ist etwa die gemalte Marmor-
wand bei Corbusier kein Ornament, und ist etwa Corbu-
sier nicht modern?), wenigstens nicht, soweit das Innere
der Häuser in Frage kommt, denn außen an den Häusern
bringen die Wiener heute auch keine Ornamente mehr an,

wenn man nicht einige papageienhafte Markisen als
solche ausgeben will. Aber Ornamentlosigkeit ist kein ent-
scheidendes Merkmal der Moderne, wenn schon sie ein
Merkmal ist für die Moderne. Mit Ornamentlosigkeit
schmücken sich heute auch ganz Unmoderne. Alles wesent-
lich Ornamentbehaftete, vom Ornament Ausgehende, vom
Ornament Lebende ist für uns Heutige Sache der Mode,
nur für eine Saison wichtig und wirksam, in der nächsten
schon verblüht, zum Nutzen von deren Erzeugern. Es sät-
tigt den Bedarf nicht, es regt nur den Appetit an. Die Mo-
derne aber sucht das Sättigende, sogar das ein für allemal
Sättigende, das im Prinzip Endgültige; wenn schon nicht

Häuserfront in der Jagdschloß-Gasse; von rechts nach links: Helmut Wagner-Freynsheim, Wien, Foto : Martin Gerlach, Wien

Otto Breuer, Wien, Josef F. Dex, Wien, A. Grünberger, Hollywood

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