Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Nach amtlichen Angaben muß das kleinste Wohnkom-
binat 400 Personen umfassen, das sind 100 bis 125 Fami-
lien oder 300 Erwachsene und 100 Kinder bis zum Alter
von 7 Jahren. Das größte Wohnkombinat soll für 800 Per-
sonen berechnet werden, das sind 200—250 Familien mit
600 Erwachsenen und 200 Kindern bis zum Alter von
7 Jahren.

(Diese Zahlen sind starken Schwankungen unterworfen
und gelten daher nur als Durchschnittsangaben.)

Der kommunale Teil ist getrennt vom Wohngebäude,
doch in seiner unmittelbaren Nähe anzuordnen und durch
einen geschlossenen Gang mit dem Wohnteil zu verbin-
den. Seine Größe ist mit 1 qm bzw. 5—6 cbm pro Person
anzusetzen. Bei schichtweiser Benutzung kann die Nutz-
fläche bis zur Hälfte reduziert werden.

Kleinkinderanstalten müssen in unmittelbarer Umgebung
von den Wohnungen für Erwachsene liegen, denn sie sind
im Wohnkombinat mit einbegriffen, Institutionen für ältere
Kinder sollen dagegen in die Umgebung des Produktions-
gebietes versetzt werden, um so die Schaffung von Werk-
schulen in Verbindung mit Internaten zu fördern.

Erziehungsanstalten werden in vier Gruppen eingeteilt:

1. Für die Altersstufe bis zu 3 Jahren —■ Kinderkrippen,
für 45—60 bzw. 90—120 Kinder.

2. Für die Altersstufe von 4—7 Jahren — Kindergärten,
für höchstens 60 Kinder, bestehend aus drei Grup-
pen zu je 20 Kindern.

3. Für die Altersstufe von 8—14 Jahren — Schulinter-
nate für 80—100 Kinder.

4. Für die Altersstufe von 15—18 Jahren — Internate
für Jugendliche.

Ein Beispiel für die ökonomischen Vorteile, die sich aus
der Neuregelung des Erziehungs- und Schulwesens er-
geben, zeigt die untenstehende Tabelle.

Miljutins Ausführungen lassen erkennen, daß der sozia-
listische Aufbau in der U.d.S.S.R. die wirtschaftliche Grund-
lage für eine unbegrenzte kulturelle Entwicklung der Be-
völkerung bildet.

Den interessanten Ausführungen des Verfassers sind
zahlreiche Bildbeigaben (Fotos, Pläne, Grundrisse) und
Tabellen beigefügt. Es fehlt jedoch eine erschöpfende
Analyse städtebaulicher Fragen, und die Aufstellung neuer
Grundsätze verrät einen gewissen Dilettantismus.

Durch eine weniger suggestive Art der Behandlung
hätte das Buch noch gewonnen. Eine bessere Bildwieder-
gabe wäre erwünscht.

Miljutins Verdienst ist vor allem in der systematischen
Zusammenfassung und Behandlung für die Sowjetunion
aktueller architektonisch-ökonomischer Fragen zu erblicken.



In

Kinderkrippen

In

Kindergärten

In Schul-
internaten

In Internaten
für Jugendliche

Insgesamt

Auf 100 Werktätige entfallen Kinder. .
Volle Gestehungskosten pro Kind ....
Gestehungskosten für alle Kinder. . . .
Auf einen Werktätigen entfallen ....

13,7
60,00 Rub.
822,00 „
8,22 „

8,7
50,00 Rub.
435,00 „
4,35 „

12,9
40,00 Rub.
516,00 „
5,16 „

7,8
40,00 Rub.
312,00 „
3,12 „

43,1
48,00 Rub.
2085,00 „
20,85 „

Städtebau in der U.d.S.S.R.

ERNST HOPMANN

Mitte Februar sprach in verschiedenen Städten des chitekten sich dort gewissermaßen in einer Baulawine be-
Rheinlands, so z. B. veranstaltet von der Arbeitsgemein- finden, daß ihnen Hören und Sehen vergehen könnte,
schaft des Deutschen Werkbundes im Folkwang-Museum, verlieren sie keineswegs die Besinnung, sondern handeln
Essen, Architekt Walter Schwagenscheidt, über den Bau auch dort ganz klar, systematisch und bewußt. „Immer
sozialistischer Städte in Rußland. Schwagenscheidt gehört trug die Stadt das Gepräge der herrschenden Klasse. Die
zu dem Stab engster Mitarbeiter, die Ernst May bei mittelalterliche Stadt umringte die Kirche oder Burg als
seinem Übergang von Frankfurt a. M. mit nach Moskau Mittelpunkt. Die Stadt der absoluten Monarchie ordnet
nahm. Er hat seitdem vorzugsweise städtebaulich gear- sich dem Schloß unter. Da es in Rußland nur eine Klasse
beitet und da es bei dem gewaltigen Besiedelungsplan, gibt, nur eine Klasse anerkannt wird, die Klasse des Prole-
der trotz allen Druckes und trotz des gewaltigen Arbeits- tariats, so ist verständlich, daß diese die Städte bauen will,
tempos an allen beteiligten Stellen nur allmählich vor- wie sie glaubt, daß es für sie am besten sei." — So un-
wärtsgetrieben werden kann, zunächst und in erster gefähr führte Schwagenscheidt in seinem Vortrage die
Linie auf die städtebauliche Organisation an- historischen Perspektiven mit einigen Strichen fort, um dann
kommt, so kann Schwangenscheidt gerade von seinem im einzelnen zu entwickeln, wie von der Lebensform und
Standpunkte aus ein sehr plastisches Bild der gesamten der Ideologie der Werktätigen folgerichtig der neue
baulichen Situation in Rußland geben. Man plant Wohn- Städtebau in Rußland aufgebaut werde. Man wird ein-
städte nahe den neuangelegten, großen Industrien im schalten müssen: Der neue Städtebau, welcher sich mit
Donbass, Kussbass, am Ural und bei Magnitogorsk. Man der Schaffung von Wohnstädten bei den neu aufgeschlos-
wird in die unberührte Steppe bauen. Keine Rücksichten auf senen Industrien zu befassen hat. Wie weit auch die
vorhandene Verkehrsanlagen oder ähnliches kommen in ebenfalls ins Werk geleiteten Stadterweiterungen gleichen
Frage. Man arbeitet in ungeheurem Tempo, mit unge- Regeln folgen können, wurde nicht erörtert und vielleicht
heuren Mengen. Aber trotzdem die europäischen Ar- von Schwangenscheidt auch nicht völlig übersehen. Bei

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