Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Nun hat freilich die Tatsache, daß gerade diese
neue Baukunst, die stärker als irgendeine frühere die
Gesetze ihrer Formung aus dem Bezirk der be-
wußten Lebensgestaltung, vor allem der technisch
mechanisierten Organisation, empfängt, den Deut-
schen dieser Gegenwart so stark beschäftigt, noch
einen anderen, tieferen Grund, der mit einer Ur-
eigenschaft des Deutschen zusammenhängt. Der
Deutsche unterliegt so leicht dem Zauber, der von
diesen äußeren, bewußten Formen ausgeht, er ist so
leicht geneigt, sie allzu wichtig zu nehmen, ja in den
Mittelpunkt seiner Bestrebungen zu stellen, weil ihm
die unbewußte, aus dem Innern kommende Formung
seines Menschentums so schwer gelingt. Nicht nur die
natürlich gewachsene, von einem glücklicheren Him-
mel genährte Form des Romanen, sondern ebenso
auch die Sicherheit des Gehabens, wie sie als Ergeb-
nis ungebrochenen Instinktes für die Forderungen des
realen Lebens die Angelsachsen auszeichnet, sind
dem Deutschen zugänglich, so stark er auch die Über-
legenheit dieser so durchformten Menschentypen
unter Umständen anzuerkennen geneigt ist. Es ist
weder Böswilligkeit noch Oberflächlichkeit und Flüch-
tigkeit der Beobachtung, wenn der Ausländer immer
wieder daran verzweifelt, den Deutschen zu ver-
stehen und ihm gerecht zu werden. Wenn der
Deutsche ehrlich ist, muß er ja zugeben, daß er sich
selber nicht versteht, und zwar nicht etwa deshalb,
weil er nicht gewohnt ist, sich von dem instinktiv be-
schrittenen Wege Rechenschaft zu geben, — sondern
weil in ihm die verschiedensten Strebungen chaotisch

gegeneinander streiten. Aus diesem Chaos des Her-
zens und der Triebe sucht er sich in äußere Formen
irgendeiner Art zu retten, seien es nun die seltsam
steif verschnörkelten Formen studentischen Lebens
und mancher ständischen Verbände, — oder auch die
sicheren Bindungen technischer oder sozialer Organi-
sation, wie sie ihren sichtbaren Ausdruck in dem
neuen Bauen und in der bis zur Vollkommenheit ge-
diehenen technischen Durchgestaltung aller Dinge des
Bedarfs findet. Der Deutsche steht zu allen diesen
Dingen in der Tat anders als die übrigen Völker, er
bedarf ihrer mehr und aus einem innerlicheren
Grunde, und wenn auch die Gefahr nicht gering ist,
daß über diesen Dingen das Unbewußte, mehr als
recht und gut ist, vergessen wird — denn niemals
reicht eine wie immer geartete organisatorische
Leistung hinab in die eigentliche Tiefe des Lebens —,
so hat es anderseits doch den Anschein, als erwüchse
dem Deutschen aus der inneren Not seiner Natur eine
besondere Kraft, die ihn zu einer tieferen und reife-
ren Lösung einer Aufgabe befähigt, die nun einmal
eine der wesentlichen Aufgaben unserer Zeit ist.

So gesehen gewinnt das Problem doch ein etwas
anderes Gesicht. Man mag immerhin von einer
„Fassade" reden und die Leichtfertigkeit bedauern,
mit der man oft versäumt hat, die Solidität der wirt-
schaftlichen Grundlagen zu beachten. Aber man muß
bedenken, daß hinter dieser Fassade eine schwere
seelische Not steht und der sehr ernste Wille zu einer
gestalterischen Bewältigung wenigstens eines Teiles
der Aufgaben, die das Leben heute stellt.

Altersheim in Kassel

Marie von B o s c h a n - A s c h r o tt

Architekten Otto Haesler und Karl Völker, Celle

Dem Sinne der Stiftung entsprechend sollte ein Heim
mit Wohngelegenheit für ältere Frauen aus bürger-
lichen Kreisen errichtet werden.

Es wäre unnatürlich gewesen, nicht auch für diese
Aufgabenstellung die heute erreichbaren Möglich-
keiten ideeller und technischer Art voll auszuschöpfen.
Disziplinierte Organisation des Raumprogramms,
freier bedingte Verteilung der Baumassen, Verwen-
dung von Stahlskelettkonstruktionen mit stark glas-
geöffneten und — wo erforderlich — stark glasge-
schlossenen Räumen, sowie die Verwendung des Flach-
daches ergeben naturnotwendig eine neue Art des
Bauens, ein neuartiges Bauwerk.

Die Zufriedenheit der Heimbewohner ist ein Beweis
dafür, daß neue sinn- und gefühlsmäßig gewandelte
Formen im Zusammenhang mit den Auswirkungen ent-

Stiftung

wickelter Zweckformen selbst von der älteren Genera-
tion verstanden werden.

Folgerung:

Es kann nur eine Frage der Zeit sein, daß diese
großen Entwicklungsmöglichkeiten des neuen Bau-
ens auch von der jüngeren Generation erkannt und
gewertet werden.

Die bevorstehende Aufgabe der Schaffung von
Eigenheimen ist ein neuer Prüfstein solcher Erkenntnis.
Sie wird nur erfolgreich gelöst werden, wenn einer
natürlichen, kraftvollen Entwicklung mehr Rechnung
getragen wird, alle schwächlichen Rückbildungsbe-
strebungen aber abgelehnt werden.

Das masse-schwere Einfamilienhaus der Vergan-
genheit hat dem masse-leichteren, glasgeöffneten, ge-
sünderen zu weichen. Haesler

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