Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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nicht auf seine vier Wände beschränkt bleiben, sondern
das, was vor seinem Fenster liegt, als Erweiterung seiner
Wohnung betrachten können, wird nun in den russi-
schen Städten verwirklicht. Man darf daher wohl an-
nehmen, daß sich da wohnen lassen wird. Außerdem
konnten die deutschen Architekten ganz persönliche Er-
fahrungen machen, da sie in Moskau ein Haus mit Ge-
meinschaftsküche bewohnen, in welchem je zwei Familien
eine Individualwohnung inne haben mit gemeinsamen
Nebenräumen (Klosett und Bad). Es wurde mit einiger
Skepsis bezogen. Aber man machte „Komunehaus-Stu-
dien". Die meisten hatten solch ein harmonisches Zusam-
menleben, wie es sich darin ergab, gar nicht für möglich
gehalten und möchten jetzt ein wirkliches Komunehaus er-
leben. Schließlich wiegt diese eigene Erfahrung der
deutschen Architektengruppe nicht gering. Denn Gemein-
schaft bleibt ein leerer Begriff, solange er nicht am eige-
nen Leibe beginnt.

Und alle städtebauliche Planung würde festrennen,
wenn sie zwar alle Dinge rechnerisch tadellos ermittelt
und berücksichtigt hätte, aber den wichtigsten Faktor, den
lebendigen Menschen, vergessen hätte oder auch nur
übersehen hätte, daß man ihn nicht einfach zahlenmäßig

einsetzen kann. Man muß beachten, daß es sehr wesent-
lich darauf ankommt, wie er auf das Gebotene reagiert.
Erst dann, wenn der Mensch als lebendiges Wesen
bestimmend war für den städtebaulichen Organismus, ist
kein Fehlschlag zu befürchten. Die letzten städtebaulichen
Ergebnisse in Deutschland wurden seiner Zeit sehr leb-
haft diskutiert und kritisiert. Es scheint dies aus der Emp-
findung heraus geschehen zu sein, daß man sie zu sehr
als Schemen, zu sehr als Ergebnisse von Nützlichkeits-
betrachtungen empfand. Der Zeilenbau wurde aus der
richtigsten Stellung aller Wohnungen, zur Sonne, ent-
wickelt. Er muß darüber hinaus zur räumlichen Gestaltung
geführt werden. (Diese Erkenntnis enthielt, wie gesagt,
schon die Schwagenscheidtsche Raumstadt.) In Rußland
ist der erste Anlaß zu dieser räumlichen Gestaltung nicht
das Ästhetische, sondern das Soziale. Außer Nützlich-
keitsprinzipien stehen auch Gemeinschaftsideen da, die
verwirklicht werden wollen. Ohne auf diese hier eingehen
oder gar darüber urteilen zu wollen, wird nur hervorge-
hoben, daß eben das Vorhandensein einer solchen geisti-
gen Idee und der Versuch ihrer raumkünstlerischen Dar-
stellung fruchtbar ist und zum Gegenteil des Schemas,
zum Organismus, führt.

Probleme des neuen Films

MOHOLY-NAGY

Dieser Artikel ist 1928 geschrieben und auf der 10. Bildwoche Dresden als Vortrag gehalten worden. Man könnte meinen, daß der Film seit
dieser Zeit bis heute (1932) eine Entwicklung durchmachte und daß gewisse Forderungen des Artikels sich verwirklichen ließen. Man muß leider
feststellen, daß dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil, die künstlerische Situation desFilmes hat sich — außer in Rußland — wesentlich verschlimmert:
Nicht nur das Niveau des Geschäftsfilmes, auch die Bemühungen der Avantgarde wurden abgebaut.
Wir steuern auf allen Gebieten — trotz klarer theoretischer Erkenntnisse — einer ausgesprochenen Reaktion entgegen.

I. Die Situation

Nicht so sehr in der Praxis als vielmehr in der Theorie
drang in den letzten Jahren die Idee der „Werkgerechtig-
keit" alles Schaffens durch.

Auch im Film bemüht man sich seit einem Jahrzehnt um
„Werkgerechtigkeit". Doch ist das Filmschaffen noch heute
von der Vorstellungswelt des herkömmlichen Tafelbildes
abhängig, und man merkt in der Wirklichkeit wenig davon,
daß das filmische Material Licht und nicht Farbstoff ist und
daß der Film zu einer beweglichen räumlichen Projektion
drängen müßte, anstatt, wie das heute geschieht, auf eine
Fläche in Bewegung gesetzte „Stehbilder" zu projizieren.

Aber auch die akustische Kombination, der Tonfilm, hält
sich an sein zwangsläufig gewähltes Vorbild: das Theater.
Die Bemühung um eine eigene Wirksamkeit ist vorläufig
selbst in der Theorie kaum zu finden.

II. Die Verantwortung

Die Verantwortung für ein richtiges Arbeitsprogramm ist
um so größer, je eindeutiger die technischen Vorrichtungen
des Films und der anderen Arten der Mitteilung und des
Ausdrucks (Radio, Fernsehen, Fernfilmen, Fernprojektion
usw.) sich entwickeln werden.

Die Problemstellungen — daher auch die Lösungen —
bewegen sich im allgemeinen auf eingefah renen Ideenbah- Aus dem Marseille-Film
nen. Für die Techniker ist die heutige filmische Form die von Moholy-Nagy
Konvention, also die Aufnahme (Fixierung) von Objekt-
und Tonrealität und ihre zweidimensionale Projektion.

Von veränderten Voraussetzungen her würden sie viel-
leicht zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Ihre Arbeit
würde sofort in eine andere Richtung gelenkt werden.
Durch ein neu gestelltes Arbeitsprogramm würden auch sie

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