Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Nl, L«» Donl.erstag, 19 La uar


18KL

* Oolitische Uuischau.

Dic „Bayer. Ztg." enthäkt bezüglich der von
der „Presse" gebrachten Enlhüllungenckbcr den
preußijch - österreichijchen Depeschenwechjel sot-
genoe inleressante lltotiz: „Wie wir vernehmen,
hal oie Sache in Wien das allergrößte Aus-
sehen erregt und hat der Potizerminister, Hr.
v. Mccsery, cinen Preis von Eintausend Gul-
den aus die Entdeckung deö Schnloigen gesctzl,
in welchem man elllen Beamlen vermuthel."

Bis jetzt haben sechs sranzösische Erzbischöse
und zwöls Bischöse, darunter zmei Cardinäte
uuo ein Senator, gegen die Beschränkungs-
maßregel der Regierung protestirt. Cardinal
Malhieu, Erzbischos von Besan^on, ist, wie der
Bijchos von MoulinS, wegcn Amtsmißbrauchs
vor den Staatsrath cilirl. Es ist oies das
zweite Mal, daß diese Maßregel gegen eiuen
Cardinal (1824 gegen den Caroinak-Erzbischos
von Toulouse), das erste Mal, daß sie gegen
einrn Senator ergrifsen wiro.

Die Zoec cincr vollständigen Trennung der
Kirchc uno des Slaals gewinnl läglich mehr
Anhäriger in Frankreich und die Tragweite
diejer Bewegung wird vvlr dem „Monoe" unv
den nbrigeik nltramontanen Zournalcn so gul
begriffen, daß sie mit Ausgebot aller Kräsle
diese Doctrin bekämpsen, deren Verwkrtlichnng
allerdings ihren kühnen Traum von einer Un-
teroronung der weltlichen Macht unler die
kirchliche Autorität über den Haufeu wersen
würde.

Einer in Turin eingetrofsenen Depesche aus
Korfn zufolge herrscht dort große Unruhe. Die
Slaot ist durch zahlrciche bewaffnete Bauern
bedroht, welche ein Ackerbaugesetz' verlangen:
ü)tan sürchtel große Unordnungen.

D e u t s ch i a tt d.

Karlsruhe, 17. Jan.^Die „Karlsr. Ztg."
schreibt au hervorragenoer Stelle: „Der königl.
würlembergische Ches deS Cultnsdepartemeuts
hat sich in einer der lctzten Kammersitzungen
Acußerungeu über daS badische Nachbarland
und jeine Negierung bcdient, oeren Ton an
eine Zcit erinnerl, deren Wiederkehr für die
Beziehungen der beiden Staaten nicht erwünscht
sein könnte. Es ist nicht crst nöthig, über oie
Angemesscnhcit eines Vorgangs ein Urtheil aus-
zujprechen, der sein Urtheil in sich trägt. Wir

-j-* Warum ?

Deii, ounkeln Sclaven löst Ihr seine Ketten,
Jhr wotlt mit Kraft auS schweren, Iock ihn rctten,

Jhr gebt Gcsetze, dic die Welt durchhallen,

Ihr laßt dic Peitsch' auS Büttels Händeu fallcn,
Jn Palmenhütten wohnt dcr Wiloe frei.

Er fühlt's, er jauchzt, er fieht das Lebrn neu.

Das Rechte sucht allein Ihr zu ergründen,

Die Wahrheit strebt mit Eifer Ihr zu finden,
Der Dtchtrr.nur muß setneKetten tragen—,
Nur er ist in die Banden noch geschlagrn.

Fürwahr — trotz Schillerstiftung — Kettenklirrrn,
Ihr seht den Dichter trostloS, sch e u noch irren—;
Ihr gebet Licht und Tag, dem Gutrn und dem
Bösen, —

— Warum nicht ihn von seinerQualer-
- lösen-?

denkcn, der großh; Regierung werden die Jn-
teressen, welche durch ein gutes Verhältniß vei-
der Regierungen gcfördert werden können, höher
stehen, als daß sie solches durch Recriminälio-
nen trüben sollte, wie berechtigt solche auch sein
mögen. Sie kann das um jo mehr, als sie
sich .damit lrösten darf, daß manche der Erperi-
mcnte, welche im badischen Staatsleben unter-
nommcn wurden, in oem Rachbarstaate eine
Nachahmung'gefuuden haben, daß aber eines
der wenigen Experimente, welches sie selbst
Würtemberg nachzuahmen in der Lage war,
der Abschluß dcs Concorvats, ihr nur mäßig
gul bekommen ist."

— Mannheim, 14. Jan. Die ultra-
montanc Partei erschöpst alle Mittel, die sich
ihr zur Erreichuug ihrer Zwecke oarbieten.
Früher hal sie vorzugsweise die Fürsten sür
ihre Sache zu gewiunen gesucht, um geistliche
Eroberungcn mit Hilse der weltlichen Gewalt
zu machen. Man spiegelte den Machthabern
vor, daß sie ihrer Throne und des Gehorsams
ihrer Uuterthancn nur dann sicher seien, wenn
die Grundjätze der römisch-katholischen Kirche
zur allgemeinen Anerkennung und Geltung
kommen; aber man vergaß, daß die Geschichte
die meisten Staatsumwälzungcn in den katho-
lijchen Ländern nachweist; daß die Päpsie ge-
raoe damals, alS sie mächtig waren, die Un-
terthanen, so oft es ihnen zwcckoienlich schien,
von der Pflicht des Gchorsams gegen ihre Für-
sten lossprachen und letztere in den Bann thaten;
daß die Zesuiten, die Leibgarde Röm's, den
Fürstenmord unlcr gewissen Umständen nicht
nur für erlaubt, sondern sogar für ein ver-
dienstliches Wcrk erklärten, und daß endlich
heute noch, wie immer, in dem Kirchenstaate
oas schlechteste Volk und dic schlechteste Slaats-
wirthschaft anzutreffen ist. Als daher die Ver-
suche bei den Fürsten, wclche die Geschichte zn
Rathe zogen, fehlgeschlagen hatten, machten sie
sich an das Volk, um dieses gegen die wider-
spcnstigeu Fürstcn und deren Regierungen zu
verhetzen; wobei sie aber sich den Schein gaben,
als ob ihre Angriffe nnr gegen eine gewisse
Partei, dic jetzt zufällig zu Macht und Einflnß
gelangt sei, gerichtet wären. Jn der Bearbei-
lung des Volkes zu Gunsten der hierarchischeu
Bestrcbungen waren cs aber vcrschiedcne Wege,
die man etweder successive, wenn der eine oder
andere nicht zum Ziele sühren wollte, oder auch
gleichzeitig eiuschlng, jedoch mil geschickter Ver-

Friedberg, 14. Ian. In Betreff des vr. Gutz-

fand man den Fremdrn in seinem Blute liegend.
Er hatte sich mehrere Scknitte am Halse und an
beiden Armen und verschiedene Stiche in den Un-
terletb brigebracht. Nachdem ärztliche Hilfe alsbald
zur Stelle war, vrrbrachte man den tödtlich Ver-
lktzten sofort in das städtische Hospital, um ihm
die nöthtge Pflcge zu Theil werden zu lasscn. Aus
den in dem Bcfitze deS Verwundetcn befindlichen

in dem Unglückltchen einen unserer hervorragenb-
sten Schriftsteller, nämlich vr. Karl Gutzkow, vor
sich habe. WaS dknselben bewogen, Hand an sein
Lkbep zu legen, konnte btS jetzt wegen allzugroßer
Schwäche deS Leidenden zwar nicht mit Zuverläs-

theilung der Arbcitskräfte und dcs Arbeitsfel-
des. Zuerst appellirtc man an das sanatisirte
Gcwissen, indem man die Rcligion für gefährvet
erklärle; alsdann hüllte man sich in ein poli-
tisches Gewand und suchte durch demokratische
Floskeln vie Unkundigen zu kövern; fertter
slachelte man den Eigennntz und die Genuß-
sucht der niedören Klassen auf und ließ in
Lasiall'schen Theorien, die aber eine kirchliche
Färbung erhieltcn, die Erlösüng von allen so-
cialen Uebeln erblicken. Zetzt eüdlich sucht man
ffch des geselligen Lebens zu bemächtigen und
die Jdee der Gesellenvereine dahin zu erwöi-
lern, oaß anch die übrigen Klassen der Gesell-
schast mit beigezogen werden können. Zuerst
hal man in einigen rheinischen Städten „katho-
lische Abendgesellschasten" in's Leben zu rufen
gcsuchl, nm Alles, was iu dem Leben auftaucht
und zur Sprache kommt, unter römisch-kirch-
liche Gesichtspuukte zu bringen; in der neuesten
Zeit werden uns aus der Residenz Karlsruhe
ähnliche Dersuche gemeldet, wclche der „Bad.
Beobachter" gegenüber einer Cörrespondenz der
„Bad. Landeszlg.", welche darin etwas Unge-
selliges und Licblojes erblickt, untcr seine schüz-
zenden Filtige nimmt. UnS schcinen mit diesem
letzlcn Versuche, welcher sich als ebenso nutzloö
wie die früheren erweisen wird, alle dem macht-
los gewordenen Fanatismus zu Gcbote stehen-
den Mittel crschöpft zu sein; und dcm Ultra-
monlaniömus, der bcreits in der Encyclika
seinen Schwanengesang hat vernehmen lassen,
wird Nichls mehr übrig bleiben, als sich zu
verabschievcn aus einer Welt, in welcher er die
Bedingungen seines Lebens nicht mehr sindet.

c5 Vom dteckar, 14. Zan. Das päpst-
liche Rundschreiben (Encyclika) hat bis jetzl
eine Hauptsolgc gehabt, die am wenigften iu
sciner Absicht gclegen war. Jn den meisten
katholischen Ländern nämlich und vorzugsweise
in Frankreich wird das Verhältniß des Staates
zur Kirche schärfer in's Auge gesaßt. Wäh- .
rend allerdings einzclne Bischöse (wie die von
Cambray und Montauban und Ander) jenem
päpstlichen Erlasse das Worl reden, und der
Regierung das ihr von uralter Zeit her zu-
stehende Recht, dcs plaoetum i6Kium (d. h.
daS Necht zur Erlaubnißertheilung für die
Verösienllichung kirchlicher Erlasse) bestreiten,
hat andercrseits der Erzbischof von Paris, der
schon mehrmals gegen ullramontane Uebergriffe
aUfgetrelen ist, publicirt, daß er in der nächsten

kow scbwebt, nach der AuSsage ver Aerzte, in drr
größten Lebensgefahr, doch hoffcn wir, daß seine
Rcttung mögltch wird. Eine allgemetne und innige
Theilnahme hat dieser traurige Vorfall dahier hrr-
vorgerufrn, und wird man nicht säumen, dieselbe
durch Werke bruderlicher Liebe gegen den Unglück-
lichen zu bethätigen. — DaS „Fr. I." theilt unter
dem 16. d. M. aus bester Quelle über den Zustand
Karl Gutzkow's noch die weitere Nachricht mit, daß
körperliche Heilung bald zu erwarten tst. Sein
geistiger Zustand ist aber leider noch ein sehr auf-
geregter; die fortwährenden ^visttgkeiten in der
Schillerstiftung haben ibn geistig verwirrt und eiNe
fire Idee, die ihn seit Wochen von Städt zu Städt
trteb, bei ihm hervorgerufen.
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