Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Ueidklbi'rgrr Zrilung.

Krelsverkündigungsblatt fnr den Kreis Heidelberg und amtliches Berkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und WieSloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Mr. AA . Kreitag, 1« Februar


L8GL.

Auf die „Heidelberger
Zeitung" kaun man sich
uoch snr die Monale
Februar und März mit 42 Kreuzern abonniren
bei allen Postanstalten, den Boten nnd Zei-
tungsträgern, sowie der Expedition (Schifs-
gasse Nr. 4).

* 'Holitische Umschau.

Graf Karolyi ist mit dcr österr. Antwort in
Berlin angekommen.

Turiner Nachrichren zufolge hat die Kammer
der Regierung die Befugniß gegeben, die terri-
torialen Bezirke dcr Provinzcn und der Ge-
meinden znm Zweck einer administrativen nnd
ökonomischen Vereinfachung, zu verändern.

Die Turiner Munizipaljunta, welche dcm
König die Adressc der Munizipaljunta über-
reichcn soll, ist noch nicht nach Florenz abgc-
reist, weil dcr König nnpäßlich ist. Mehrere
andere Mumzipalitäten Piemonts haben Adres-
sen an den Könrg votirt.

Dcr Pariser „Abend-Moniteur", sowie der
„Costitutionnel" stellen die Gerüchte über Ab-
tretung mexicanischer Provinzen an Frankreich
neuerdings entschicden in Abrede.

Dic „Europa" enthält ein Schreiben des
Bey von Tnnis und des Khasnadar an den
Kaiscr Napolcon und an Drouyn de Lhuys,
worin Frankrcich als der beste Freund von
Tunis erklärt wird.

D e n t f ch l a n d.

— Mannheim, 7. Febr. Wenn man es
nicht wüßte, daß der Fanatismus die Leute
blind macht, wie er selbst ein Erzeugniß der
Bljndheit ist, so könnte man kaum begreifen,
wie es möglich ist, daß die Protestler in ihrem
Sturme gegen Dr. Schenkel sich so auffallen-
der Widersprüche schuldig machen. Jhre An-
träge auf Absetzung dcsselbeti sollen, wie sie
selbst sagen, nicht gegen ihn als Professor der
Uuiversität, sondern nur gegen ihn als Direc-
tor des evang. Predigerseminars gerichtet sein,
weshalb sie auch zuerst den Oberkirchenrath in
ihr Jnteresse hineinzuziehen suchtcn, welches
auch, wenigstens in formeller Hinsicht, der ge-
setzliche Weg war. Sie selbst wagten also
nicht, die Freiheit der Wissenschaft und ihrer
Lehre anzutasten, weil sie wohl einsahen, daß

in diesem Falle die ganze jctzige Generation
über ihr Ansinnen unbedingt den Stab brechen,
mithin ihre Sache voraus eine verlorene sein,
und zuoem als eine lächerliche und aberwitzige
erscheinen würde. Obgleich nnn abrr das
Schenkel'sche Buch anch ein Produkt der Wis-
senschafl ist und die Veröfsentlichung desselben
als eineS solchen weder vcrhindert noch gestraft
werden kann, so meiuten sie ooch, man könne
dem Manne in seiner Eigcnschaft als Bildner
der Geiftlichen Etwas anhaben, denn die Kir-
chenlehre sei, wie sie cs wenigstens auffaßten,
durch das in den symbolischen Bnchern enthal-
tene Bekenntniß gebunoen; das Predigerseminar
sei aber eine kirchliche Bildungsanstalt, und
was hier gelehrt werde, müffe dem kirchlichen
Bekennlnisse gemäß sein. Wir wollen nun
nicht davon reoen, daß der Schluß von einer
im Interesse der Wiffenschaft heransgegcbenen
Schrist und ihrem Jnhalt aus dasjenige, was
der Verfasser dieser Schrift in dem Seminare
lehrt, durchaus keine logische Nothwendigkeit
oder Berechtigung-in sich schließt, indem die
Anleitung der jungen Theologen zu dem prac-
tijchen Kirchendicnst cs mit keinen rein wlssen-
schaftlichen Studien zu ttzun hat, obgleich, wie
sich von sclbst versteht, die auf der „sreien"
Universität gewonuenen Ergebnisse dieser Stu-
dicn ihren Einfluß auf die Auschauungen des
künftigen Geistlicheu Ukld anf seine Lehrvorträge
nicht verläugncn werden. DieseS Alles ist aber
gar nicht zu verhüten, wenn auch der Senliuar-
lehrer von der fettesten Orthodoxie strotzte; der
auf den universitäten herrschende freie Geist
der Wissenschaft sindet von selbst den Weg
in das practische Lehramt und spotter aller
Schranken, die man ihm entgegenzusetzen ver?
sucht. Allein auch abgeseheu davon, so beruht
der Protest gegen Dr. Schcnkel auf einer völ-
ligcn Mißkennung und Verläugnung des Gei-
stes der protestantischen Kirche, deren oberster
Grundsatz die Freiheit der Forschung ist, welche
von selbst auch Freiheit der Lehre bedingt, weil
eine freic Forschung gar keinen Werth hätte,
wenn man ihre Resultate nicht mittheilen
dürfte, sondern für sick behalten müßte. Von
Bekenntnißschriften, welche die Forschung zu
bannen und dic Lehre zu normiren hätten.
weiß die protestantische Kirche Nichts, und am
wenigsten können die sogenannten symbolischen
Bücher aus dem sechszehnten Jahrhundert
für solche gelten. Es hätte sich auch gewiß

nicht der Mühe verlohnt, das päpftliche Joch
abzuschütlelll Ulld sich vvll der römischen Kirche
zu trcnncn. wenn ev sich um nichts Weiteres
gehandelt hätte, als nur die Autoritäten zu
wechseln und dic Augsburgische Coufession an
die Slelle der päpstlichen Decretalien ulld dcr
allen Concilicnbeschlüsse zu setzen. Die s. g.
symbolischen Schriften siud,iu der prolestanti-
schen Kirche nichts Anderes und können nach
ihrem Geistc nichts Anderes sein, als chrwür-
-Zeugnisse der jungen Kirche, in welchen
sie dcu erstmaligeu Gebrauch von dcr erruuge-
nen Frciheit gemachl und dic Ergcbuisse ihrer
freien Forschung niedergelegt hat, nicht um die
Nachkommen zu binden und auf die Wortc der
Resormatoren schwören zu lasscn, sondern um
sie ihnen als eiu Vermächtniß der Freiheit zu
hiuterlaffen und sie dadurch zu weitercm For-
scheu zu ermuntern. Jhre Bedeutung ist:
„Das haben wir gethan und gewonnen, gehet
hin und thuet desgleichen!" — Was soll'man
abcr dazu sagen, wenn die Protestler, uachdem
sie vou der obersten Kircheubehörde eiuen ab-
schlägigen Bescheid erhalten haben. das von
ihnen sür eine kirchliche Anstalt erklärte Se-
minar nun auf einmal, als ' ppendix der Uni-
versität, zu einer Lllaatsanstalk erheben wollen,
bloß um einen scheinbaren Grund für ihr Be-
gehren zu gewinnen, daß die Staatsrcgicruug
uild der Landesfürst sclber zu ihren Guusten
eiuschrciten solle? Die Regierung hat ihnen
bereits ihren Standpunkt klar gemacht; aber
die Blindeu werden dadurch nicht sehend wer-
den, und die Fanatiker nicht zur Besonnenheit
zurückketzxen. Mögen sie fortfahren und daS
Maß ihrcs Geschickes erfüllen!

lü Heidelverg, 8. Februar. Dic in der
Versammlung der „fr^sinnigen Katholiken"
dahier beschlosscne Adresse ging bedcckt mit
342 Unterschriften heute an den Großhcrzog
ab. Diese Anzahl von unterzeichneten hiesigen
Katholiken gidt am Besten Antwort darauf,
„ob es dem vielbejprochenen Dutz'end vou hier
gestattet sein kann, im Namen der Mehrheit
hiesiger Katholiken zu sprcchen." Auf die
Mehrheit kommt es aber gerade in allen
Augelegenheiten des Volkes an, wozu doch
wahrlich vox Allem die Schule gehört. Es
wird kein Vernünftigcr bestreiten, daß in einem
freien Lande jede Partei, urck sei cs auch die
ultramontane, das Recht habe, sich ungehindcrt
vcrnehmcu zu lassen; so ost sich aber ein Häuf-

Dr. Hoffmann, ist eine Uedersiedlung des Kranken
in die Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke crfolgt,
welche Dr. Falkow in Gilgenberg, in der Nähe
von Batreuth leitet. Als Gutzkow von Dr. Hoff-
mann's Wunsck, ihn zu sehen, Kenntniß erhielt,
äußerte er: „da kommt mein Scharfrichter." Die
Besorgniß, er werde wahnsinnig werden, hat er
öfter ausgesprochen. Als man ihm unlängst zu
erkennen gab, er habe heute wieder einmal mit
befferem Appetit gegessen, meinte er: so stelle sich
wohl fchon die Gefräßigkeit ein, mit welcher sich
die Gehirnerweichung bek Lenau angekündigt habe.
Gutzkow hatte, da er vermögenslos ist, sein Leben
in Gotha versichert. Mit der scharfen Dialekttk
eines Zrren weist er nun tn Momenten finanzieller
Grübrteien die Umstände nach, unter welchen auch
in Selbstentltibungsfällen die Summe ausgezahlt
werden müffe. Der Gothaer Agent verfolgt ihn

furts in heftiges Schluchzen ausgebrochen, und dic
Tiefe des Wehs beim Wiedersrhen dieser Vaterstadt
seiner ersten unv auch sciner zweiten Frau, mag

! auf den Proceß gegen Franz Müller zurück; sie
bemerkt: „Obgleich unsere Ansickt dahin geht, den
Todten ruhen zu laffen, finden wir uns doch be-
wogen, folgenden Brief deS Vaters von Franz
! Müller an eine dcutsche Dame, Frau v. AsztaloS
! in London, wortgetreu zu veröffentlichcn. „Hochedle
Frau! Zhren unS so theueren Brief haben wir er-
- halten und haben unS gewundert, daß Sie edle

tcn bemühen/seine Unschuld an den Tag zu brin-
gen, aber cs wird Sie sehr schwer werden den die
falschen Richter werden alleS wagen um die wahr-
heid zu unterdrüken den die Richter müssen sich
schämen weil fie einen Unschuldigen zum Tode ver-
urtheilt zu haben. Gott mag ihre große Sünden
vergeben. Wcnn gleick Viele sagen, mein Sohn
hätte mich um Vergebung gebeten, ja das hat
er gethan aber nicht deS Mordes wegen, sondcrn
weil er ohne meinen Willen dahin gegangen ist,
darum bat er uns um Vergebung, den das er
Unschulotg ist darauf Leb und Sterbe ich, hter
mit scnde ich Sie seinen Brtef, Gott der allmäch-

haben. Mit Hockachtung bin ihr Ergebenster Karl
Heinrich Müller." Die en glischen Blätter behaup-
teten bekanntlich, Müller'S Vater halte ihn für
schuldig.

Bern, 4. Febr. Ueber die tragische Schlußscene
des Demme-Trümpy-Processes in Nervi
rrfährt man enblich aus officiellcr Quelle, daß die
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