Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Mlberger Zeilung.

Kreisverküiidigungsblntt für den Kreis Heidelberg unü niiltlichcs Serkündigungsblatt für üic Aints- unü Antts-
Gerichtsbczirkc Heiöelbcrg nnd WieSloch unü den Anttsgerichtsbezirk Neckargeinüna.

N» 71. Fxeitag, 24. März

* Politische Nmscha«.

Wie man vernimmt, wollen die Mittelstaaten
auch gegen die Eiusührung des neuen Zollver-
einstariss in den Herzogthümern zum 1. Juli,
welche selbft von SchlcSwig-Holstcin mehrfach
gewünscht wurde, Einspruch erheben, weil da-
durch der Svuvcrainetät des berechtigten Für-
sten vorgegriffen würde.

Nach der „Elberf. Ztg." will der Minifter
des Jnnern, Graf zu Eulenburg, m.it dem
Schlnsse der Session aus dcm Ministerium
schciden; cr soll auf einen diplomatischen Posten
reflectiren.

Jn Galizien ist die Aufhebung des Be-
lagerungszustandes vom 18. April d. I. an
publicirt.

Nach den Bcrichten aus Montevideo vom 7.
sind dem brasilianischen Admiral annehmbare
Uebergabsbedingungen vorgcschlagen worden,
und so wird Montevidco ohne Kampf besetzt.

D e rr t s ch l a » d.

Hcidelberg, 22. März. Die Gerüchte
übcr eine MinisterkrisiS in Wien sind wahr
und nicht wahr, wie man sie eben nimmt.
Nicht heute und nicht morgcn wird Herr von
Schmerling abtretcn, aber lange wird er —
dahin lauten verschiedene Zeitungs- und Privat-
correspondenzen — nicht mehr Minister sein.
Man hat es in Wien mit einer schleichenden
oder chronilchen und nicht mit einer acuten
Krisis zu thun. Ob eine besondere Katastrophe
hcreinbrechen muß, um Schmerling zu besei-
tigcn, oder ob er geräuschlos abtritt, weil er
verbraucht ist, und sich verbraucht fühlt, das
möchte schwcr zu sagen sein, ebenso schwer, was
nach ihm kommen wird. Eine vollständige reac-
tionäre Sündfluth doch wohl auf keinen Fall.
Abcr vorwärts gehen wird dann sicher das
östcrreichische Verfassungswerk auch nicht, und
es ist schon ein sehr ernstcs Zeichen, daß die
öffentliche Stimmung, die sonst den Nachfolgcr
des Dtaatsministers nirgends anderS als in
dcn streng centralisiischen Kreisen zu suchen ge-
wohnt war, diesmal fast instinktmäßig ein Ca-
binet von föderalistischer Färbnng (mit Belkredi
an der Spitze), also ein ZurüKgreifen auf daS
Octobcrdiplom in's Auge fast.

Mannheim, 21. März. Heute war aus
Veranlassung der vom Oberlande ausgegan-

genen Agitation, dic den Zweck hat, den Semi-
nardircktor Dr. Schenkcl in Heidelberg von
seinem Amtc zu beseitigew, einc cvangelischc
Kirchengemcinde-Vcrsammlung dahier abgchal-
ten worden, welche Herr Stadlpfarrer Schellen-
berg. in Abwesenheit des Herrn Kirchcnrath
Dr. Schwarz, leitete. Der Herr Vorsitzcnde
bctonte in seiner Ansprache, daß der Zweck der
heutigen Versammlnng an Bedeutnng weit über
alle Gegcnstände der sonstigen Berathungen
hinausreiche; mit der Vorspiegelung, die Ne-
ligion sei in Gcfahr, werde in allen Theilen
unseres Landes einc Agiration bctrieben nnd
Unruhe in viele Gemüther gebracht. Zunächst
sei deren Zweck wohl nnr der, Schenkcl von
seinem Amte zu entfcrnen, aber der tiefere End-
zweck gehe weiter, eS solle der ganze Verfas-
sungsboden unseres Kirchcnwesens untergraben
und aufgehoben wcrden. Da auch hier Exem-
plarc dcs von Frciburg ausgcgangenen Auf-
rufs verbreitet worden seicn, so habe der hie-
sige Kirchengemeinderath bcschloffen, die Kir-
chcngemcindeversammlung zu berufen, damit
diese ihre Ansicht ausspreche, was in diescr
wichtigen Sache zu thun -sci. Die Berufung
dcr Verbreiler des.Aufrufs auf.ihre Väter und
das Erhalten des Glaubens dcrselben gab ihm
Veranlaffung zu bemerken, daß auch wir uns
auf unsere Väter, die für die Freiheit des
Glaubens gestrittcn und geduldet hätten, be-
ziehen müßten, an dem heutigen in der Refor-
mationögeschichte dcnkwürdigen Jahrestage. We-
gen der angefochtenen Glanbens- und Gewis-
sensfreiheit citirte er die Antwort des in den
20er Jahren in den Schulen benützten Kar-
bach'schen Catechismus auf die Frage: warum
sich unsere Kirche die evangelisch-protestantische
nenne? — Nach Vcrlesung des fraglichen Auf-
rufs und der in Bczug darauf provonirtcn Pe-
tition an S. K. H. unscrn Großherzog, nahm
Hr. KreiSgerichtsrath Guyet das Wort. Jndem
er auf die Bewegung im Lande gegcn Kirchen-
rath Schenkel hinwies und dic Stellung des
Oberkirchenrathcs in dieser Angelegenheit er-
wähnte, der sich nicht zum Richtcr über ein
für cinen kleinen Leserkreiö geschriebenes wiffcn-
schattliches Wcrk berufen erklärte, kam er auf
die jüngste Agitation zu sprcchcn, welche in
Freiburg ausgehend, zunächst bei dem Land-
volke versucht worden sei. Man suche möglichst
viele Unterschriften zusammenzubringen, um den
Glauben zu erwccken, jene Petition sei der


Ausdruck dcr Mehrzahl der evangelischen Be-
völkerung. Jn dicser Pctition wäre zwar er-
klärt, die freie Forschung solle nicht unterdrückt
werden, was aber in dem Munde dcr Petitions-
urheber zu bedeuten habe: wenn ihr Euch außer-
halb der Kirche stcllt, d. h. austretct, könnt
ihr forschcn, wie ihr wollt. Er wies noch auf
den Zusammenhang zwischcn den ultramon-
tanen und pietistischen Bestrebungen gcgen die
ll'tzigen Zustände in unserem Lande hin und
verbreitete sich dann über die Ansichten dcs
KirchengemeinderathS wegen der nöthig erach-
teten Schritte, als deren ersten derselbe eine
öffentliche Erklärung bctrachte. Auf die vom
Vorsitzenden an dieVersammlung gestellte Frage,
ob überhaupt etwas geschehen solle, antwortete
Herr Zoh. Glimpf, daß darüber Angesichts der
Bcwegung und ihrcr Zwecke wohl kein Zweifcl
sein könne, er bezeichnete das ganze Gebahrcn
der Angreifer als ein ungcsctzliches und erin-
nerte als Gegenstück zu dcn heutigen Ansich«
ten eines Theiles der Geistlichkeit an die freiere
Richtung derselbcn vor 40 und 50 Jahren.
Herr Sladtpfarrer Greiner bestritt die Compe-
tenz der Kirchengcmcindevcrsammlung zu den
angeregtcn Beschlüsscn, da solche nur einen
lokalcn Charakter trüge und glaubt, die bcab-
sichtigte Erklärung riefe eine der Gcgenpartei
hervor, der man dann nicht vorwerfen könne,
sie agitire. Er sei erfreut über das ausgespro-
chene Mißfallen gegcn das Agitircn und stellt
die Frage, ob die Bewcgungen gegen den frühcr
bestandenen Zustand, der rechtmäßig begründct
gcwesen sei, (Agendenstreit) nicht auch Agi-
tation gewesen wäre. Hcrr Oberstlieutcnant
Wachs spricht warmen Dank dem Kirchengc-
meindcralh für die eingeleiteten Schritte aus,
er wünschte, daß die ganze Kirchengemeinde
zu der heutigen Berathung eingeladen worden
wäre. Die orthodox sein wollen, schloß er seine
Rede, mögcn cs sein, die anderer Meinung
sind, sollen sie aber gehen lckffen; ich will den-
ken, ich wrll prüfen, nehmen sie Anstand an
dem Schenkelschen Buch, so mögcn sic es wiffen-
schaftlich widerlegen. Herr Guyct bemerkte lioch,
daß das Petitionsrecht nie von dcm Kirchen-
gcmeinderath bestritten wordcn sei, dasselbe
wäre seit IV- Jahren auch in ausgcdehnter
Weise in Anspruch genommcn worden. Gegen
Herrn Greiner bemerkt cr, im Agendenstreit
sollte ein Vielcn theuer gewordenes Necht gc-
ändert werden und dagegen habe man sich gc-

(E in e Retourftudie.) Das „Kath. Kirchen-

gcbung des Erzbischofs zu verabschieden und statt

Katholiken zu den Ratbgebern des ErzbischofS zu

Herren Bürgermeister Fauler, Kreisgerichtsrath
Lang, Hofrath Werber und Chirurg Heß; zu As-
sessoren: dic Herren Krcisgerichtsrath Eimrr und
Anwalt Näf; die Canzleidirection wird dem be-
kannten Lorrespondentcn der LandeSzeitung aus
Iung-Jsrael übertragen (hirr trete also ketne we-
srntliche Verändrrung ein); als erzbischöflichrr Ar-
chivar wird Herr Eisenbahn-Jnspector Bürklin, alS

gestellt; die Frrtburger und BreiSgaucr Zeitung
werten zu kirchlicken Verkündigungsblättern auto-
rtfirt.

Nach dieser Combination hält die „Breisg. Ztg."
das Vergnügrn für erlaubt, auszufübren, in wel-
cher sic fich denke, daß die höchsten Staatsämter,
so wie andere Stellen in etnem ultramontanen

v. Uria; Finanzen (ohne Portefcuille): erzbischöf-
licher Registrator Hägrle; Cultus: Pfarrer Restle;

ker; Geh. Cabinetssecretär: Canzlridirector Maas;
Archivar: Geh. Hofrath a. D. Zell.

Oberschulrath: Director: Benrficiat Beckert;
Räthe: Hofcaplan Strrhle, Goldarbeiter Krller,
Prof. Alb. Stolz, Metzger Egle, Nepetitor Schmitr,
Wachsziehcr Lofinger, erzbischöflicher AffrssorKrauth
und Schneider Hrizler; als Bureaudiener werden
Diejenigen angestellt, welche sich beim Hinauswer-
fen drs Mannes in der St. Martinskircke zu Frei-
burg verdirnt machten; als officielle Zcitung wird
der „Bad. Beob.", als Regierungsblatt das „Kath.
Kirchenblatt" erklärt. Die Redacteure Scköchlin und
Braun werden öffentlich belobt wrgrn ihrcr großen
Verdienste und unauSgesrtzten Bestrebungrn um Auf-

rechthaltung der Ruhe und Ordnung in unserem
Lande. „So sind die Rollen ausgetheilt und Alles
wohlbestellt."

* Märzenveilchen.

In mancher Brauerei so mancher Far
Kühlt sich weit glücklicher als Kaiser Max
Mit seiner merikanischen Dornenkroue
Auf Montezuma's morschem Throne,

Grstützt von etnem klriuen Heer Franzosen,
i Die mit vcrliebten Creolinnen kosen.
l Den beiden Kaisern aber blühn dort keine Rosen,
Und Mar, bcdrohtvon Dolchen undIndianerpfeilen,
! Wird nicht mehr lang in Mcriko verweilen.

! Wird Louis alsdann des HerzrnS Wunden heilen?
! Wenn er gelandrt, nicht mit Gold beladen,

! An Galliens meerumspülten Seegestaden?

Er ließ den Erzherzog aus seinen Tuilerien
! Glcichgültig nach dem fernen Westen ziehn;
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