Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Regierung daS Geietz zu»l Signal ciues allge-
mcineu erbillcrke» AngrisjS auf die Rcgierung
erhoben. Die Haupttendeuz der Gegncr gche
dahi», i» leiocnschaftlichstcr Weise gegcn die
Regierung den Vcrdacht zu erregcn, als ob sie
die religiöscn Znkerefsen beschädigcn wvlle.
DaS geradc Gegenthcil liege im Sinn und in
dcr Absichr dcr Regierung; diesc wolle ein
sclbstständiges siaatlicheS u»d cin jelbstständiges
kirchlichcS Leben. Die Gegncr seien Nlit den
leidcuschastlichsten Anschuldigungcn, Verdächti-
gungcn u»d Bcrdrehungen aufgetreten, und
hätten jchwer gegen die gesctzliche Ordnung ge-
sündigt. ES frage sich nun, welche Stcllung
hat die Regierung bei dieser Lage der Dinge
ciuzunehmen? Urbereinstimmend habe daS gr.
Staatsministerium beschlossen, der Kammcr fol-
gcnde Erklärung abzugcben, welche der Miuiftcr
verliest: Zweicrlei »erlangen die Pctcntcn, näm-
lich volle UnterrichtSfreiheit, oder Allfhcbuiig
dcS SchulgesetzeS. Die erstere könne die Re-
gicrung in dem Winnc, wic sie die Petentcn
vcrständcn, nicht gewähren, weil dic Rickstcht
auf die allgcmeilie Staatswohlfahrt dieö vcr-
biete. Dagegen sci die Regierung bestrebt, der
Kirche eine eiuslußreiche Stelluug auf die Schule
und daS UnterrichtSwesen zu jichern. Auch
werde sie einer mit dem Gciste deS Gejetzes
verträglichen Verständigung mit der katholischen
Kirchenbehvrdc uicht auS dem Wege gehen.
Jm Uebrigen aber werde sie die Autorität des
Staatcs ausrccht crhalten. Einc Aenderung des
Gesetzes könne jctzt nicht zugegeben wcrden. Die
Regicrung wcrde aber erwägen, waS unter ver-
Lnderler Sachlage zu thuil und waS gcschchen
könnc. Mit dcm Antrage der Commission, übcr
die Petitionen zur Tagesordnnng überzugchen,
sci übrigcns die Regierung einverstandcn, und
sci bcreik, über ihre Erklärung weitere AuS-
kunst zu erlheileu.

Die Kammer, nachdein sic diese Erklärung
stillschwcigend aufgciivmmen, geht nnn zn dcn
Lerhandlungen über die Tagesjrage sclbst über.
Dic Debatten süllten die Morgen- und Abend-
sitzung auS und wurde ihre Fortsetzung nach
7 Uhr AbendS auf den morgenden Tag vcr-
jchoben. Spezialbcricht solgt.

-s Heidelbcrg, 11. Mai. Die Proclama-
tion Naxoleons lll. an die Bcwohncr von Al-
gcrien war ein sehr merkwürdigeS Actenstück.
Vielfache und langjährige gerechte Klageu der
Kolonisten, wie der libcralcn Journalc in Frank-
reich hattcn nicht vermocht, daS scit L. Philipp
herrschende Militärsystcm auf irgend eine nen-
nenSwerthe Wcise zu unterbrechen. Vor JahreS-
stist sind selbst die französischen und audere
europäische Kolonisteu unmittelbar unter die
Bolmäßigkeit der in der Provinz commaiidiren-
den Gencrale gestellt worden. Noch jüngst ver-
theidigtcn die RegierungscommissLre in ciner
Senatsverhandlung das Svldatcnregiment in
Algerien, stellten die Kvlonisten als Fremdlinge
dar, uud schwärmten für die Araber. Zetzt
betritt der Kaiser den Boden Astikas, und wcndet
sich an die Bewohner Algerieus, denen dort
noch ein kriegerischeS Volk hemmend im Wege
steht, und zwar eben dieje Araber, d. h. die
Eingeborenen und großc Mehrzahl der Bewoh-
ner Algericns. Und diese Araber sollen nun
von jenen (nach der Proclamation) als LandS-
leute behandclt werden. Aus dem Verlaufe
derselben ergibt sich weitcr, daß, im Widcrspruch
mit allen bisherigcn Gesetzen, die Kolvnist en
als die Herren deS Landes angesehen und als
solche vom Kaiser begrüßt wurdcn. — Abge-
fehen von diesen Anomalien dürftc sich aber,
wenn der Kaiser Ernst macht, cine neue Aera
für die astikanische Kolonie eröfsnen, denn des
Senats Zustimmung zur Einsührung eincs
Civilregiments, der franzvsischen Gcsctze und
europäischcn Formen wird auf sein Verlangen
nicht sehlen.

— Mannheim, 11. Mai. Die Beilage
zur hentigen Nr. Zhrer Zeitung theilt die Nach-
richt von einer zu Durlach stattgehabten Ver-
sammlung rvn Geistlichen der Protestpartei mit
und von einer von dem Fabrikanten Mez an
Großherzvg eingereichten Adreffe, welche
die Erklärung enthält, daß über die Bekcnntniß-
frage die evangelische Generalfynode keineswegs
abzuurtheilen habe, da solchc feststehe nnd an
ihr nicht gerüitelt werden dürfe. Diese Erklä-

rung isl »öllig unverträglich mit dcm Geisi und
Wcsen deS Protcstantisnius; denn dieser vcr-
tritt das Priucip der Beivegnng gegenüber dein
d-r L-tabilität, welchcS dic Grundlage deS rö-
mischcn KakholiciSmuS bildet. Jm Protestau-
lismus steht NichtS scst, als die Autorität der
h. Schrist und der Gruudsatz der freien For-
jchung in ihr, verbunden mit dem Rechte und
der Pslicht, daS Ergebniß dieser Forschung in
dem Lichte der Wissenjchast stcts zu läutcrn und
zu berichtigcn. Wenn es in der protestantischen
Kirchc ein fcststchcndcS dogmatisches Bekenntniß
gäbe, so wäre der ersten constituirenden Gene-
ralsynode nicht das Recht zugcstanden, der Ver-
einigungsurkunde jenen vicl besprochcnen Para-
graphen über daS normativc Ansehen der sym-
bolischen Büchcr mit dem der Orthodopie zum
Acrgerniß gereichenden „in so weit" einzuver-
leiben; und dic reactionärc Generalsynode von
1855 HLtte sich nicht hcranSnchmen dürfen,
einc authenlische Jnterpretativn jeneS Para-
grgphen zu erlassen. llnd doch ist jenes Recht
noch niemals angefochten worden, uud auf diese
Jnterpretation, die nur nicht cine „authentischc"
zu sein beanspruchen sollte, hat sich Niemand
mchr berujen als gerade die Partei, welchcr
der Fabrikant Mez angehört. Die m dcr
Adresse des letzteren enthaltene Erklärung schließt
also eincn unauflöslicheii Widcrspruch in sich
und verstößt jugleich gegcn die Versassung un-
sercr protestantischen Landcskirche, in welcher
dic Generalsynode dic oberstc Jnstanz auch in
Sachen der Lehre und des Bekcnntniffes ist.
Ebenso verkehrt ist darum auch dcr Bcschluß
der Durlacher Versammlung, sich in der Schcn-
kel'schcn Angelcgenheit an daS Ministerium dcs
Jnuern, bcziehungSwcisc an das StaatSmini-
sterium, zu wendcn. Es gibt kcinen andern
Weg als den an dic Gcneralsynode. Oder kann
inan so blödsinnig sein zu glauben, die großh.
Regicrung wcrdc selber das von ihr auSgegan-
genc Gesetz über dic Stellung der Kirchen zum
Staatc übcrtreten und sich in Sachen dcr kirch-
lichen Lchrc über die Generalsynode ftellen?
Solch cin Gedanke kann nur VVII cincr Parlei
auSgehe», welche mit dem gesunde» Menschen-
verstand gebrochcn hat.

Schleswig, L. Mai. Der Schifser Ma-
thiesjen aus ArniS, der es wagte, unter
der schleSwig - holsteinischcn Landesflagge in
Kopenhagen einzulaujeu, ist nicht allein vom
Zollpersonale und Pöbcl dort verhöhnt, son-
dcrn auch der Nrt mit Steinen beworfen wor-
den, daß -r arge Verlctznngen davongetragen.

(H. C.) -

K r a i« k r e i ch

Paris, 11. Mai. Der Kaiser hat auf die
beglückwünschende Anrede des Bischofs von Al-
gier Folgendes erwidert: „An mir ist es, der
algerischen Geistlichkeit und Zhnen, Monsgn.,
für alles Gute zu danken, was Sie seit schon
so langer Zeit hier thun. Denn vornehmlich
in entlegenen Ländern verbreitel einzig die Re-
ligion die wahre Zivilisation. Darum lege ich
ein so großes Gewicht auf Jhre Gebete; sie
werden mir, wie der Colonie zum Glück ge-
reichen!"

Metz, 13. Mai. Gutem Vernehmen nach
erhielt der Marschall Forey den Auftrag, den
König von Preußen in der Rheinprovinz im
Namcn des Kaisers zu begrüßen.

Marseille, 14. Mai. Eine Proclamation
des Bürgermeisters von Oran drückt die Hoff-
nung aus, der Kaiser werde diese Provinz auch
besuchen. Die Muftis haben den Kaiser in den
Moscheen empfangen und ihm gesagt, daß sein
Erscheinen eine Garantie der Achtung gegen
ihren Glauben und ihre religiösen Gebaude
sei. Der Kaiser erwiderte, er setze Glauben in
die Aufrichtigkeit ihrer Betheuerungen; er habe
christliche und muselmännische Kinder und für
alle werde gleiches Recht sein. Sagt Eueren
Glaubensbrüdern, fügt er bei, daß ich die, welche
den rechten Pfad wandeln werden, belohnen,
die aber, welche nicht in der Bahn des Gehor-
sams verweilen, streng strafen werde.

G rr g l a rr d

LondvN, 13. Mai. Die „Daily-News"
leugnen es, daß Johnson von England einen
Schadenersatz für die Verluste verlangt habe,

die amerikanischen Bürgern durch den „Ala-
bama" und andere conföderirte Corsaren zuge-
sügt worden sind.

Southarnpron, 13. Mai. Der „TaS-
manian" ist mit dcr Post nach Westindicn und
dem stillcn Weltmeer, so wie mit 879,265
Dollars angekommen. — Man sah dem Tode
des General Carrera, Präsidcnten von Guate-
mala, entgegen. Carrios, der frühere Präsident
von St. Salvator. sucht eine Revolution anzu-
zetteln. — Man hat Grund zur Annahme,
daß die freundschaftlichen Bezichungen zwischen
Spanien und Chili in Folge des von dem
Madrider Cabinet gestellten Satisfactionsbe-
gehrens vollstandig abgebrochen sino. Die Frage
wird lebhaft discutirt; die Geschäfte sind ge-
stört. — Die aufständische Bewegung im süd-
lichen Peru dauert fort und dehnt sich selbst
auf die nördlichen Städte aus. Am 4. April
hat eine Volksversammlung in Caxamarca den
Präsidentcn General Pezet als Vatcrlandsver-
räther crklärt und verlangt, daß der Viceprä-
sident Canseco nach den gcsetzlichcn Bestimmun-
gen an die Spitze der Regierung gcstellt werde.
Oberst Noya wurde einstimmig zum Militär-
Commandanten des Nordens gewählt. Ein
Corps vou 800 Mann solltö unter seincm Be-
fehl unverzüglich nach Truxillo marschircn und
sich mit den übrigen Strcitkräftcn des Nordens
vereinigen. Chota und Ascopa hatten sich der
Bewegung angcschlossen. Die Rcgierung von
Lima hatte drci Divisionen und einige Kriegs-
schiffe, die gemeinsam mit den Landtruppen
operircn sollcn, nach dem Süden geschickt. Auch
gegen die Jnsnrgenten im Norden sollten Trup-
pen ausrücken. — Nachrichten aus Bolivia mel-
den, daß General Belzu am 7. April nach La
Paz gekommen war und sich zum Präsidenten
hatte ernennen lassen. Allein Melgarejo war
unverzüglich gegen ihn ausgezogcn und hatte
sich nach einem erbitterten Kampfe der Stadt
La Paz bemächtigt. Belzu flüchtete in den Palast,
der jedoch sofort genommen ward. Er sclber
wurde, ehe er sich mit Melgarejo benehmen
konnte, von einem Soldaten niedergeschossen.
Letztcrer scheint geneigt, eine liberale Politik
zu befolgen. Es geht das Gerücht, daß in San
Domingo eine Partei bemüht sei, eine Bcwe-
gung zu Gunsten der Spanier hervorzurufen.

Z t a l i e n.

Turin, 12. Mai, Abends. Der Senat hat
sich heute in dem Gesetzentwurf der Reorgani-
salion und des Verkaufs der Staatseisenbahnen
beschäftigt. Herr Menabrea hat die Nothwen-
digkcit gezeigt, dje Eisenbahnlinien nach der
Gestaltung der Halbinsel zu reorganisiren.

— 14. Mai. Der Senat bat in einer Nacht-
sitzung die Gesetzvorlage über die Eisenbahnen
mit 63 gegen 23 Stimmen angenommen. Der
Senat hat hierauf der Stadt Turin scinen
Dank und seine Anerkennüng in einer Adresse
ausgesprochen. — Der König hat gestern in
Florenz die Aussiellung eröffnet.

A m e r L k a.

Newyork, 29. April. Dcr Tod des
Mörders I. Wilkes Booth. Alle Spuren,
welche von dem flüchtigen Meuchelmörder auf-
zusinden waren, wiesen die Verfolger nach
Maryland hin; und die südlichen Bezirke die-
ses Staates wurden acht Tage lang von 1600
Mann Cavallerie und 500 geheimen Policisten
durchsucht, doch vergebens. Am Sonntag, den
23-, crfuhr Oberst L. C. Baker von einem
kleinen Knaben einige Thatsachen, welche ihn
hinreichend überzeugten, daß Booth mit seinem
Spießgesellen Harrold kurz vorher über den
Fluß nach Virginien gegangen war. Mit 28
Mann Cavallerie schlug der Oberst die gleiche
Richtung ein und jenseits der virginischen
Grenze wußte er die Fliehenden bis zu Port
Royal auszuspüren. Den Rappahannock bei
Fredericksburg überschreitend, bewegte sich der
Trupp den Fluß entlang nach Port Royal hin
und fand in des letzteren Nähe frische Pferde-
spuren, welche zu einer alten Scheune leiteten.
Der Eigenthümer derselben, welcher nahe bei
ihr sein Pachthaus hatte, leugnete, die zwei
Männer gesehen zu haben; sein Sohn aber
sagte aus, daß die Gesuchten in der Scheune
seien. Oberst Baker ließ dieselbe sofort um-
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