Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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KreisverkündigungSblatt fnr den Kreis Heidclberg und amtliches Berkünüigungsblatt für üie Anits- und Aints-
Gerichtsbezirkc Heidelbcrg nnd WieSloch und den Anttsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Nk 137


Mittrvoch, Juni


— Die XV. allgem. deutsche Lehrer-
versammlung. I

Leipzig, 10. Juni. Die vom 5.—8. d. hier
abgehaltene allg. deutschc Lehrerverfammlung war
im Ganzen von 2459 Lehrern, Schuldirectoren,
Professoren, Lehrerinncn und Schulsreunden
besucht. Die meisten deutschen'Staaten hatten
dabei ihre Vertretung gcsunden und auch vom
Auslande (Rußland besonders!) sind Theil-
nehmer eingetroffen. Die Stadt Leipzig hat
nicht versäumt, den Besuchern dieser Versamm-
Lung den Aufenthalt so angenchm als möglich
zu machen. Jst doch Leipzig auch reich an
Sehensmürdigkeiten und seine Umgebung —
das nahe Roser.thal — immerhin sehr reizend
und anziehend. Theater u. Conzerte boten den
Theilnehmern herrliche Genüsse. Die Lehrmittel-
ausstellung bot einen großartigen Reichthum
von Karten, Büchern, Kunstwerken aller Art,
von Bcschäftigungsmitteln und lehrreichen »L>pie-
len, neben welchen die kunstvollsten Apparate
für die Naturwiffenschaften prangten. Auch zur
Ausstellung der Mustersammlung des kaufmän-
nischen Vereins hatlen die Theilnehmer der
Versammlung freien Zutritt.

Die Vorversammlung fand am Montag den

5. d. M., Abends 8 Uhr, im Schützenhause
statt. Zu derselben waren schon eine Menge
Theilnehmer aus allen Gauen Deutschlands
eingetroffen. Directvr Dr. Bornemann begrüßte
die Anwesenden und theilte mit, daß die Neu-
kirche als Versammlungslocal zur Verfügung
gestellt wurde; er theilt eine telegr. Depesche
deS bayerischen Lehrervercins .mit, worauf Dr.
Schulze aus Ohrdruff das Wort ergriff und
Rechenschaft über die Thätigkeit des Ausschuffes
ablegte. Der würdige Nestor der deutschen
Lehrer, A. Diesterweg, konnte wegen An-
strengungen in den langen Kammersitzungen
und gebeugt durch die Krankheit seines Sohnes
nicht erscheinen und mußte sein angekündigter
Vortrag leider ausfallen." Jn dieser Vorver-
sammlung wurde die Tagesordnung für die
erste Hauptversammlung bestimmt, welche am

6. Juni, Morgens 9 Uhr, in der Ncukirche
stattfand und worin nach Absingung eines
Liedes Hr. Bürgermeister Koch von Leipzig
den Anwesenden Namens der Stadt den erften
Gruß sandte. „Auch heute bcgrüßen wir in
Zhnen, meine Herren, die Abgeordneten aller
deutschen VolkssWimme, die, wenn sie auch nur

Pforzheim, 8. Juni. Eine Slbwindlergeschichte,
die jüngst hier gespielt hat, macht viel von sich
reden. Ein junger Mann, der vor mehreren
Wochen fich iN einem unserer ersten Gasthöfe ein-
logirte, gadMor, Theilnehmer eines Hauses „Cohen
u. Co. in London" und im Begriffe zu sein, hier
Einkäufe von Bijouteriegegenstänben zu machen.
Vorgebend, hier einen längeren Aufenthalt zu
nehmen, miethete er ein Logis in einem Privat-
hause, brachte daselbst die genannte Firma öffent-
ltch an, engagirte CommiS und machte bedeutende
Einkäufe. Mit letzteren machte nun der saubere
Vogel sich, natürlich ohne fie bezahlt zu haben,
vor einigen Tagen aus dem Staube, und die
leichtgläubigen Verkäufer haben das Nachsehen.
Man sollte glauben, daß die hirfigen Andustriellen,
schon mebrfach durch ähnliche Vorkommniffe ge-
witzigt, vorsichtiger sein würden.

(Eine kunstreiche Erftndung) des Uhr-
machers Ad. Ba a b, aus Alzry gebürtig, welche den
Zweck hat, dte Brraubung von eisernen Gelkschrän-
ken und anderen Behältrrn zu verhüten, ist gegen

einem Beruf angehören, doch den vollsten An-
spruch auf die wärmsten Sympathien aller
wahren Vaterlandsfreunde haben, um so mehr,
da gerade Jhr Beruf vorzugsweise bestimmt
ist, auf die Geschicke unserer natioualen Zukunft
einen maßgebenden Einfluß auszuüben." Die-
sen und andern kräftigen und wohlgcmeinten
Worten des Bürgermeisters folgte eine An-
sprache des Diakonus Dr. Suppe, der zunächst
den Zweck und die Bedeutung der Versamm-
lung in'S Auge faßte, das Werk der Erziehung
sowohl als das Werk Gottes bezeichnete und
am Schlusse den Wunsch äußerte, daß im Na-
men Gottes und zu seiner Ehre das Werk ge-
than werde. Den herzlich gutgemeinten -u. tief-
gefühlten Worten deS Willkommens, gesprochen
von Dr. Bornemann unv Sup. Dr. Schulze
solgte die Uebernahme des Präsidentenstuhls
durch die Herren: Theod. Hoffmann aus
Hamburg, Bornemann aus Leipzig und Di-
rector Kaiser aus Wien.

Theod. Hoffmann gedachte in seiner Ansprache
auch der verstorbenen Schulmänner: Vogel
aus Leipzig, Scholz auS Breslau und Schmidt
aus Gotha und ertheilte dann Dir. R. Lange
aus Hamburg das Wort, der sodann über die
Bedeutung der allgemeinen deutschen Lehrer-
versammlung sprach, welchc im September 1848
zum ersten Male in Eisenach. 1850 in Nürn-
berg, 1851 in Hannover, 1852 in Gotha und
in den folgendcn Jahren in Salzungen, Pyr-
mont, Hamburg, Gotha, Frankfurt a. M., Wei-
mar, Koburg, Köthen, Gera und Mannheim
tagte. Der betr. Redner fordert Deutschlands
Lehrer auf, fest und einig zusammen zu halten
und alle Sonderinteresscn und Particularismus
zurückzudrängen; die Lehrer sollen ein einigeS
Volk von Brüdern scin. Nach R. Lange sprach
Rector Fröhlich über die Volksschule berZukunft.
Sein Vortrag war in folgenden Sätzen zusam-
mengefaßt:

„Die Volksschule der Zukunft 1) erkennt als
ihre Hauptaufgabe, die fortschreitende Cultur
und Civilisation unter die mittleren und un-
teren Stände zu tragen. 2) L>ie soll nicht bloß
eine Kinder schule, sondern eine vollständige
Volksschule sein. Sie wird dieS durch Errich-
tung der Fortbildungsschule. 3) Sie muß in
jedem Lande auf der Basis eines zeitorganischen
Unterrichtsgesetzes ruhen. Dasselbe wird allen
bei der Schule Betheiligten nicht bloß Pflichten
auferlegen, sondern auch ihre Rcchte geben,

wärtig bei Mess. Dawts u. Comp., Nr. 30 Budge

ringsten Vrrsnche, dem Geldbehälter an irgend einer
Stelle nahe zu treten, nicht nur die Polizei in
Allarm, sondern auch durch eine Anzahl Schläge
davon in Kenntniß sctzt, welcher Geldschrank rc.
bedrobt tst. Der Onkcl des Vorgenannten, Herr
Frtedrich Wilhelm Baab, Uhrmacher in Alzey, hat
in den Vierziger Jahren durch eine im Schlösse zu
Mainz aufgestellte kunstreiche Uhr große Aufmerk-
samkeit erregt.

Die „Tr." erzählt folgende, abgesehen von den
Bedenken gegen ihre Richtigkeit, sehr amusante
Gcschichte: Die Besitzerin einer Berliner Wasch-
handlung in der F—straße, näher können wir die-
selbe nicht bezeichnen, da die Dame, welche noch
bedrutende Ansprüche auf Jugend und Schönheit
macht, fich nicht gerne auslachen laffen möchte,
-befand sich eineS MtttagS in der vorigen Woche

d. i., es wird auch eine Schulverfaffung ins
Leben rufen. 4) Sie muß Staatsfchule
scin. Der Staat besitzt die Oberleitpng der
Volksschule unter gesetzlich geordueter Mitwir-
kung der Kirche und der Gemeinden.
5) Der Staat muß dafür sorgen, daß s) die
Volksschule von einem wiffenschaftlich gebildeten
Lehrerstandc gehoben u. gepflegt; b) ausschließ-
lich von pädagogisch gebildeten Fachmännern
technisch geleitet und»beaufsichtigt werde. 6) Sie
muß anch in Betreff ihrer äußeren Wcrkzeuge
und Mittel ihrem Zdeale möglichst nahe ge-
führt werden. 7) Sie ist in ihrem Znnern im
Geiste Pestalozzi's, also nach den Grundsätzen
der neuern Pädagogik organisirt."

Der Redner schließt mit den Worten:

An der ^Oiscussion über diesen Vortrag be-
theiligten sich eine größere Zahl von Rednern,
darunter auch Prof. Dr. Schröder aus Mann-
heim, der einen Unterschied der Schulen, je
nach ihren verschiedenen Aufgaben macht, und
wünscht, daß darnach die größere oder geringere
Betheiligung des Staates oder der Gemeinde
bemessen werde. Lüben von Bremen entwirft
ein Bild von den sich in ihrer Beaufsichtigung
unterscheidenden Staats- und Kirchspielschulen
des Freistaates Bremen; er kommt düraus zu
dem Ergebniffe, daß Kirche und Schule ihre
gesonderten Wege zu gehen haben. Pfarrer
Rjecke (Würtemberger) spricht die Hoffnung
aus, daß Kirche und Schule in ihrem Fort-
schreiten sich zusammenfinden werden. (Riccke
ist ein eifriger Wortführer für die Aufrecht-
haltung der geistl. Schulinspection, der Unter-
ordnung der «Lchule unter die Herrschaft des
Clerus.) Die Debatte über diesen Gegenstand
konnte in der ersten Hauptversammlung nicht
beendigt werden; sie wurde in der 2. Haupt-
versammlung fortgesetzt und geschloffen. Mit
vielem Beifall spricht Berthelt unter Angabe
einer Reihe von Gründen für die Staatsschule.
„Die Schule der Gcgenwart gehöre dem Staate
der Gegenwart; die Schule der Zukunft dem
Staate der Zukunft." Schmitt, Redacteur aus
Gräfenhausen bci Darmstadt, bezeichnet es als
die Meinnng der süddeutschen Lehrer: Keine
Gemeindeschule, nur Staatsschule. (Das ist
auch die richtige Meinung!)

Bei der Fefttafel des ersten Tages ging es
fröhlich her; eine Neihe Trinksprüche folgt§

allein in ihrem Laden, als ein fein gekletdeter
Herr bei ihr eintrat und Hemden zu kaufen
wünschte. Er wählte lange unb entschted sich end-
lich für die besten, die es gab, das Stück zu
5 Tbaler. Er ließ fich ein Dutzend einwtckeln,
legte eine wohlgefüllte Brieftasche auf den Laden-
tisch und schien eben bezahlen zu wollen, als ihm
noch einfiel, daß es doch gut wäre, ungefähr zu
fehen, wte die Hemden säßen. Dte Dame war
gerne bereit, ihm in dieser Beziehung gefällig zu
sein und zog sich ein Hemd über ihr schwarzeS
Taffetkleid. Vorne war der Käufer vollkommen
brfriedigt, nur hinten schienen ihm die Falten nicht
recht zu fitzen, und er hatte längere Zeit dort zu
ziehen und zu zupfen, bis er ficv überzeugte, daß
auch dort der Schnitt nichtS zu wünschen übrig
laffe. Nachdem er darauf noch einmal mit freund-
lichem Lächeln die D-nne von vorne betrachtrt, steckte
er die Brieftasche rin, nahm daS Packet mit den
11 Hrmdrn in die eine, den Hut tn die andere
Hand und empfahl fich. Jm ersten Augenblick
stand die Eigenthümerin ganz verdutzt, im nächsten
sah sie ein, daß fie betrogen sei und wollte dem
frrchen Diebe nach. Allcin im MannShemde konnte
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