Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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OBERDEUTSCHER MEISTER LUKAS CRANACH DOMENICO DE'PARIS

IN DER ART DES BALDUNG GRIEN. 1512 DER HEILIGE CHRISTOPH MADONNA. 1 m HOCH

IM BESITZ VON LEU BLUMENREICH IM BESITZ VON DR. BENEDICT & CO. IM BESITZ VON DR. GOLDSCHMIDT & DR. WALLSRSTEIN

AUS BERLINER KUNSTHANDLUNGEN

T~\ie Konzentration des deutschen Kunsthandels im Berliner
Westen hat neue Fortschritte gemacht. Aus Köln über-
siedelte Dr. Hermann Burg nach der Friedrich-Ebert-Straße,
und er brachte eine Reihe hochwertiger mittelalterlicher
Skulpturen mit, wie sie im Handel nur seireu zu sehen
sind. Zwei seltene romanische Madonnenfiguren, eine
wundervolle Steinfigur vom Typ der „schönen Madonnen",
die aus einem Kloster in Venedig kommt, eine kleinere
Figur der gleichen Art aus Krummau, eine liebreizende
sitzende Maria vom Mittelrhein sind nur ein paar der wich-
tigsten Stücke, die Dr. Burg zeigt. Daneben sieht man
Buddhaköpfe aus Siam, altägyptische Skulpturen und eine
Anzahl Gemälde, unter denen das Familienbildnis eines
oberitalienischen Meisters hervorragt.

Die Geschäftsräume der neuen Kunsthandlung sind eng
benachbart den erweiterten Räumen, die Dr. Benedikt vor
kurzem bezogen hat. Es ist kein Geheimnis, daß beide zu
dem Konzern gehören, der mit „Altkunst", Van Diemen und
Dr. Burchard eine Reihe der großen Berliner Kunsthand-
lungen vereinigt. Aus Wien übersiedelte Gustav Nebehay
nach Berlin. Seine Spezialität ist die Pflege der alten Hand-
zeichnung. Sein Besitz zählt von Dürer zu Tizian und Rem-
brandt, Werke von Meistern aller Schulen und Epochen. Es
ist zu hoffen, daß es ihm gelingt, dem sehr zu Unrecht ver-
nachlässigten Sammelgebiet neue Freunde zuzuführen.

Nebehay hat die Räume am Schöneberger Ufer bezogen,
die Leo Blumenreich verließ, um in die Viktoriastraße zu
übersiedeln, wo er jetzt mit seinen alten Nachbarn Dr. Gold-
schmidt und Dr. Wallerstein ein neues nachbarliches Ver-
hältnis eingegangen ist. Blumenreichs Hauptinteresse ist der

alten Malerei zugewandt. Aus seinen Beständen zeigen wir
ein schönes altdeutsches Porträt, das in der Malweise der Art
des Hans Baidung Grien nahekommt. Bei Goldschmidt und
Wallerstein überwiegt das Interesse für die Plastik. Eine
schöne Madonna, die dem Domenico de'Paris zugeschrieben
wird, ist das Hauptstück des jetzigen Bestandes. Die Aus-
stellungstätigkeit der Firma, die in früheren Jahren einen
Teil ihrer Kraft für die Kunst unserer Zeit einsetzte, hat
nun allerdings ihr Ende gefunden. Es ist ein Verzicht,
der zu denken gibt. Während der Handel mit alter Kunst
blüht, fristen die lebenden Künstler nur mühsam ihr Leben,
und die Händler, die ihre Werke dem Publikum vermitteln,
haben einen schweren Stand. Die privaten Ausstellungs-
unternehmungen bröckeln ab. Der Verein Berliner Künstler
hat sein Haus in der Bellevuestraße für mehr als vier
Millionen Mark verkauft. Es böte sich ihm Gelegenheit,
seine alte Stellung wiederzuerobern, wenn er seinen Mit-
gliederstand energisch verjüngte und zugleich das Geld für
den Neubau verwendete, dessen Finanzierung der Sezession
nicht gelungen ist.

*

O. GERSTENBERG
vollendet in diesem Monat sein achtzigstes Lebensjahr. Er
hat so klug, passioniert und bedeutend gesammelt, seine
Sammlung ist so sehr ein Mittelpunkt guter Kunst — vor
allem der des neunzehnten Jahrhunderts — geworden, und
das öffentliche Kunstleben hat davon so oft profitiert, daß
sich ein Glückwunsch für den ausgezeichneten Kunstfreund
auch an dieser Stelle rechtfertigt.

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