Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

Page: 330
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1929/0359
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
AUSSTELLUNG VON BUCHEINBÄNDEN IN DER PARISER N ATI O NAL-B I B LI OTH EK

T~\ie Vereinigung der Nationalen Bibliotheken stellte einen
Teil ihrer kostbaren Bucheinbände aus, einen ängstlich
gehüteten Schatz, der dem großen Publikum sonst nicht zu-
gänglich ist. Unter Hunderten von Einbänden ist mit liebe-
vollster Sorgfalt eine Auswahl getroffen worden, um in glanz-
voller Weise eine Kunst zu zeigen, deren Meisterwerke fast
ausnahmslos franzosischen Ursprungs sind.

Die Ausstellung umfaßte die frühesten Zeiten (fünftes
und sechstes Jahrhundert) bis zum Beginn der romantischen
Epoche, die im kommenden Jahr in einer besonderen Aus-
stellung gezeigt werden soll.

Die erste Gruppe besteht aus alten geistlichen Büchern,
deren Deckel aus Elfenbein und Goldschmiedekunst im Stil
der frühen illuminierten Handschriften gearbeitet sind. Es
folgt eine Auswahl der von den „Bindern" des Mittelalters
mit ihren Platten aus rohem Material und den sehr einfachen
Ornamentierungen hergestellten Arbeiten. Einige Einbände
aus dem fünfzehnten Jahrhundert in Blindstempeldruck ver-
vollständigen sie.

Gold und Farbe halten mit den ersten königlichen Ein-
bänden aus der Zeit Ludwigs des Zwölften ihren Einzug,
wobei italienische Einflüsse einen immer größeren Boden
gewinnen.

Aldo Manuce der Altere ist der Schöpfer von Modellen,
an denen Grolier sich inspiriert: durch Kunsthandwerker,
die zuerst von jenseits der Alpen verschrieben wurden, läßt
er die ersten Meisterwerke herstellen. Von ihnen zeigt unsere
Ausstellung eine einzig in der Welt dastehende Sammlung.

Den Fußstapfen Geofroy Torys, Groliers und seines
Rivalen Thomas Mahieu (Maioli) folgend, werden Franz der
Erste, Heinrich der Zweite, Catarina von Medici, Diane
de Poitiers, der Konnetable von Montmorency, der Kardinal
von Lothringen, Marc Laurin, J. A. de Thou und noch viele
andere leidenschaftliche Förderer der Buchbinderkunst. Ihnen
verdanken wir Pariser und Lyoner Arbeiten von höchster
(Qualität. Gegen Ende der Regierung Karls des Neunten läßt
sich deutlich ein neuer Ornamentierungsstil feststellen, für
dessen Schöpfer Clovis Eve gilt und der „ä la fanfare" be-
nannt wurde. Unter Heinrich dem Vierten und Ludwig dem
Zwölften kommen die reichvergoldeten Ganzledereinbände
mit Blumenmuster auf. Im siebzehnten Jahrhundert feiern
Florimond Badier, der mysteriöse Le Gascon und ihre Schule
mit ihren florealen Ornamenten in Handstempeldruck Triumphe.
Allmählich aber wurde der Luxus dieser Verzierungen so über-
trieben, daß eine Reaktion die Folge war, die in den so-
genannten „jansenistischen" Einbänden und in der Rück-
kehr zu einfachen Ornamentierungen ihren Ausdruck fand.
Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts sondern sich klar
zwei Typen voneinander: erstens die Einbände mit ge-
musterten Aufteilungen aus Blumen, Blattwerk und Gold-
punktierungen, deren Schöpfer Le Mounier und die Padeloup
sind; zweitens die Einbände mit spitzenartigen Verzierungen,
die von Douceur, den Padeloup, Derome und ihren Schülern
bis ins Unendliche variiert wurden, indem sie Handstempel-
druck und Plattenpressung kombinierten.

Marie Dormoy.

PARISER AUSSTELLUNGEN

Neuerdings häufen sich die gute Einzelausstellungen. Sogar
bei Bernheim-Jeune, wo man sich freilich stets an die
Allüren der großen Kaufhäuser erinnert fühlt. Hier trat
Pascin mit einem seltenen Ensemble von achtzig Gemälden,
Kohle- und Federzeichnungen hervor. Seine Mädchen und
Frauen verkörpern in den oft gewagten Stellungen, wo nichts
mehr zu enthüllen bleibt, eine moderne Evokation des Dix-
huitieme, dem auch das stets gleichbleibende Niveau tech-
nischer Virtuosität entspricht. So viel Pascin enthüllt, er
deutet noch mehr an. Seine Ölgemälde sind wie pastelliert
und aquarelliert. Ganz anders seine Federzeichnungen. Je
nachlässiger und „unbeholfener" der Strich sich gibt, um so
schneidender offenbart sich die Spottlust, um so witziger die
Ironie.

Auch Georges Rouault bietet selten Gelegenheit zu ein-
gehenderen Einblicken. Um so willkommener die Retro-
spektive, die ihm die Galerie des Quadre Chemins widmete.
Sie umfaßte zwar nur etwa vierzig Guaschen, Aquarelle und
Zeichnungen, ließ aber die ganze Tiefe des Bruches erkennen,
der ihn von den herkömmlichen Idealen trennte. Dieser

Schüler und Sachwalter von Gustave Moreau beherrschte den
Griffel mit der Vollkommenheit des akademischen Virtuosen,
ehe er sein Können in den Dienst unmittelbaren Ausdrucks
stellte.

Nachträglich sei noch die erste größere Ausstellung von
Raoul Dufy erwähnt, die von der Galerie La Portique ver-
anstaltet wurde. Seit langem schon traf man in allen kleinen
Läden der rive gauche einzelne Bilder von Dufy, diese Aus-
stellung war aber eine Überraschung, weil sie (nicht viele!)
Bilder enthielt, die sich neben dem Besten von Matisse
sehen lassen. Meist löst Dufy seine Eindrücke ungezwungen
in Arabesken auf. Doch geht er immer wieder von der
Wirklichkeit aus. Das unterscheidet ihn von Klee, mit dem
er irgendwie verwandt ist. Er hat ein Blau, das er in zauber-
hafter Weise abwandelt. Es gibt unter seinen gleichaltrigen
Landsleuten keinen französischeren Maler. Kein Zufall, daß
er auch für das Kunstgewerbe, vor allem für die Mode, tätig
ist. Die jüngsten Stoffmuster seiner Hand führen einzelne
Baudenkmäler von Paris schon in der halben Welt spazieren.

Hermann Ganz.

33°
loading ...