Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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beiten Schliessler und Abel. Etwas stärker als gewöhnlich
zeigte sich Geibel.

Ludwig Moser (Karlsruhe).

WIEN

Die Wiener Sezession unternimmt mit ihrer gegenwärtigen
Ausstellung ein seltsames Experiment; sie vereinigt Kollek-
tionen von Künstlern, die vor einem Menschenalter an ihrer
Gründung Anteil genommen hatten, dann aber dem Lauf
der Entwicklung entsprechend mehr und mehr von jüngeren
und stärkeren Kräften in den Hintergrund gedrängt worden
waren, so daß die meisten von ihnen gänzlich in Vergessen-
heit geraten sind. Dieses gemeinsame Auftauchen der Stehen-
gebliebenen aus dem Dunkel hat etwas Erschütterndes und
Rührendes: die Kunst von 1890 — die in dem damals so
ängstlich eingefriedeten Wien noch ein gutes Stück älter
war — stellt sich plötzlich vor uns, nicht zu historischer Be-
trachtung, sondern mit dem Anspruch ein Stück Gegenwart
zu sein, denn diese Künstler leben ja alle noch und vollenden
ehrlich den Weg, den ihre kleine Begabung ihnen vorge-
schrieben hat. Daß sie einen kurzen Frühlingstag gekannt
haben, ein Weilchen, von stärkeren Führern mitgerissen,
glauben konnten, an einer aufwärtsgehenden Bewegung teil-
zuhaben, liegt als Herbstglanz über der Melancholie ihrer
Altersarbeit. Sieht man von der Ehrenwertigkeit der indi-
viduellen Lebensläufe ab, so hat diese wiedererstandene Grün-
derversammlung für den Beschauer etwas Unheimliches; die
Aufführung von alten Filmen — etwa aus der Gründungszeit
der Sezessionen — hat uns die Augen für die erschreckende
Raschheit geschärft, mit der sich unsere Sehweise verändert.
Die großen Persönlichkeiten stehen bis zu einem gewissen
Grade außerhalb der Zeit; die kleinen sind zu fest an diese
gebunden, um ihrem grausamen Gesetz nicht untenan zu sein.

Die übrigen Frühlingsausstellungen tun wenig, um diese
gespenstische Mahnung an irdische Vergänglichkeit zu ver-
scheuchen. In einer besonders schwachen Ausstellung des
Hagenbundes fällt Josef Humpliks Büste des Dichters Georg
Trakl als eine ins Malerische entgleitende, dennoch durch
Einheitlichkeit der Vision bezwingende plastische Leistung
auf; in der Neuen Galerie zeigt eine Ausstellung von Ar-
beiten Georg Merkls aus den letzten zwei Jahren die stän-
dige Vertiefung und Verfeinerung dieses einsam schaffenden
Künstlers. Das Buch, das Ernst Buschbeck 1927 über ihn
geschrieben hat, zeigt alle Vorstufen seiner heutigen Reife.

H.Tietze.

NEUES AUS AMERIKA

Die Galerie M. Knoedler & Co. ließen einer umfassenden
Schongauer-Ausstellung eine Ausstellung von Drucken
Dürers in ihren schönen New Yorker Räumen folgen. Schon-
gauer war dem Verständnis besonders zugänglich; aber auch
Dürer wurde sehr bewundert, trotz oder vielleicht auch
wegen der deutschen Herbheit („acid"). Beide Ausstellungen
waren sorgfältig bearbeitet und wurden durch reich illu-
strierte Kataloge erklärt.

In den Weyhe Galleries fand eine umfangreiche Aus-
stellung von Bronzen Georg Kolbes statt, die in der Presse

(„The Sun" und „Evening Post" vor allem) beifällig kom-
mentiert wurde. Vorhergegangen war eine Ausstellung der
Plastiken von Renee Sintenis. Sie hat einen starken Erfolg
gehabt, künstlerisch und finanziell.

J. B. Neumann zeigte im „Art Circle", im Rahmen
einer internationalen Schau, Bilder von Beckmann und
Nolde.

In den Anderson Galleries wurden die beiden Bilder aus
der Sammlung Hamilton von Piero della Francesca und Fra
Filippo Lippi, die wir bereits abbildeten, versteigert. Die
Madonna erwarb ein Zigarettenfabrikant für 125 000 Dollar,
die Kreuzigung kaufte J. Duveen für 375000 Dollar. Da-
mit ist der Rekord des „Harvest Waggon" von Gainsborough
(350000 Dollar) geschlagen- Für Amerika. Der Auktions-
saal bei Anderson umfaßt nur 600 Fauteuils. Eingegangen
waren 3000 Anmeldungen für Einlaßkarten. Eine halbe
Stunde vor Beginn war der Saal überfüllt. Die Versteigerung
selbst dauerte zehn Minuten. Sie wurde — wie sonst nur
Sportkämpfe — durch die Station W. A. B. C. mittels Radio
über das ganze Land verbreitet.

In Parenthese: wie wäre es mit einem Wettbureau für
Bilderpreise? Dadurch könnte ein neues „Medizäisches
Zeitalter" heraufbeschworen werden.

In der Valentin Gallery waren Franzosen des neunzehnten
und zwanzigsten Jahrhunderts ausgestellt, wovon wir einiges
abbilden.

Derain wird in Amerika stark gekauft. Im letzten Jahr
sollen in den Vereinigten Staaten etwa fünfzig Bilder von
ihm in Privatbesitz übergegangen sein.

Das Städtische Kunstmuseum von St. Louis erwarb von
den Wildenstein Galleries das Bild „Die Kegelspieler" von
Pieter de Hoogh. Aus derselben Kunsthandlung erwarb A. W.
Erickson das Bildnis der Frau de Baglion als Flora von T. M.
Nattier.

CAMILLE COROT, MÄDCHENBILDNIS

AUSGESTELLT IN DER VALENTIN GALLERY, NEW YORK

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