Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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RUDOLF GROSSMANN, ZEICHNERINNEN IM ZOO. ZEICHNUNG

WENN DILETTANTEN ZEICHNEN

VON

RUDOLF GROSSMANN

"O espekt vor den vornehmen Dilettanten, die im
Gegensatz zu den Berufsroutiniers noch vor
Eindrücken taumeln, deren Seelenniederschlag man
unmittelbar vom Werk ablesen kann! Man merkt
es gleich, daß sie mit Lust und Liebe dabei sind —
was bei den oft zweckgebundeneren Berufskünst-
lern nicht immer der Fall ist.

Man kann zwei Arten unterscheiden: solche,
die keine Schwierigkeiten zu kennen scheinen,
die, von einem AfFentrieb besessen, gleich wissen,
wie es gemacht wird und alle Register ziehen,
und solche, die gehemmt und sparsam mit den
Mitteln sind, bei denen man noch die ganze Span-
nung zwischen Gefühl und Ausdruck spürt. Viele
zielen schon aufs Handwerk, um zu können, was
sie wollen; anderen ist das Wollen Hauptsache.

Ich verzichte absichtlich auf das Material von be-
deutenden Dichtern und Schriftstellern, die sich auch
bildnerisch betätigt haben, wie Goethe, Victor Hugo,
Baudelaire usw. Dann diese Doppelbegabten sind
wieder von besonderer Art, da sie ihren Ausdruck ja
schon in einer anderen Kunstgattunggefunden haben.

Wie weit Laienzeichnungen künstlerisch sind,
wird sich aus dem folgenden von selbst ergeben.
Nicht in Betracht kommen jene Zeichnungen, die
nach Vorlagen, Bildern oder Zeichnungen gemacht
sind und die von Laien oft gerade für außerordent-
liche Leistungen gehalten werden.

An der Hand von Zeichnungen wirklich be-
gabter Dilettanten, an diesen primitiven Versuchen
aber läßt sich der bildnerische Vorgang oft leichter
analysieren als an den Werken der Meister.

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