Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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CAMILLE PISSARRO, WEG NACH PONTOISE. 1877
VERSTEIGERUNG DER GALERIE GEORGES PETIT AM 3. DEZEMBER. 92:150 cm

ERNST BARLACHS „SELBSTERZAHLTES LEBEN«

PAUL CASSIRER VERLAG, BERLIN 1918

Aufrichtig erzählte, gut geschriebene Lebensgeschichten
sind immer lehrreich zu lesen. Jedes Leben ist inter-
essant, in jedem ist etwas, das nirgends sonst vorkommt
und völlig original ist. Am wertvollsten sind Selbstdar-
stellungen wesentlicher Künstler, die durch ihre Werke schon
eine poetische Neugier auf ihr Leben erwecken. Es ist dar-
um erfreulich, daß deutsche Künstler gern über sich selbst
schreiben. Wollte man auf einem Brett im Bücherschrank
die Autobiographien deutscher Künstler, Dichter und über-
haupt aller höheren Geistesarbeiter vereinigen, so würde
eine seltsame Republik bedeutender Köpfe zusammenkommen.

Barlachs „Selbsterzähltes Leben", das er uns um sein
sechzigstes Lebensjahr herum geschenkt hat, nimmt sich
zwischen diesen Bekenntnisbüchern gut aus. Es gehört dazu,
weil er in seiner Art ein repräsentativer Geist ist. Er ist
deutsch bis zum Absonderlichen, er ist vom Geiste Jean
Pauls und Caspar David Friedrichs. Etwas norddeutsch ver-
grübelt und gotisch verschnörkelt, melancholisch einsam und
ein wenig trotzig gegen das Leben; aber ein Herz bis zum
Rand voller Liebe, ein Mensch mit dem großen Zug, eine
seltene Doppelnatur, zugleich begabt für die Skulptur und
für die Dichtkunst — was fast ohne Vorgang ist —, My-
stiker aus vertieftem Naturalismus, Pathetiker ohne Phrasen,
einer, dem ein Gott gab — nach langer, dumpfer, schwerer
Entwicklung — zu sagen, wie er am Leben leidet. Das Sein
und Werden eines solchen Menschen braucht nur eben erzählt
zu werden, um zu fesseln, denn es ist dramatisch in sich selbst,

auch ohne äußere Handlung. Kommt noch die Kraft und
Eigenart des Ausdrucks hinzu, die Barlach beherrscht, die
merkwürdige Gabe in frappant gesehenen Bildern und schlag-
kräftigen Wortprägungen zu denken, so entsteht eine Dich-
tung von Rang.

Zu tadeln ist Barlachs Buch nur darin, daß es zu kurz
ist. Man möchte mehr hören. Das Geschilderte hätte aus-
führlicher gegeben werden sollen; und es hätte weiter bis
in die Gegenwart geführt werden können. Dieses letzte
wäre möglich gewesen, weil das Buch auch einen memoiren-
haften Charakter hat, den Verfasser also nicht zwang, dort
abzubrechen, wo die Jugendentwicklung aufhört. An Stoff
fehlt es nicht. Soweit es die Menschenscheu Barlachs zu-
ließ, habe ich ihn in einigen wichtigen Lebensjahren ge-
kannt und so viel von ihm gesehen, daß ich die Schilde-
rungen nur gleich fortsetzen könnte. Denn ein solcher
Mensch lebt alle seine Tage symbolisch. Ungekünstelt gerät
ihm jedes Wort, jede Handlung ins Gleichnishafte. Das gibt
dem Buch die Bedeutung. Eine gewisse Unklarheit hier und
dort muß man in den Kauf nehmen; sie ist vom Symboli-
schen kaum zu trennen. Das Buch unterscheidet sich von
dem meisten dessen, was heute geschrieben wird, dadurch,
daß kein Wort literarisch klingt; alles stammt unmittelbar
aus dem wahren Gefühl und aus einer Vernunft, die schwerer
Lebensträume Herr geworden ist. Wenn das meiste von dem,
was heute Bedeutung hat, längst vergessen ist, wird Barlachs
„Selbsterzähltes Leben" noch da sein. Karl Scheffler.

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