Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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ERINNERUNGEN AN MAX LIEBERMANN

VON

HELMUTH LIESEGANG

Tch ging im Jahre 1882 mit meinem Freund Hans Herr-
mann auf ein kleines Dorf in der Provinz Drenthe in
Holland. Große Heide- und Moorkomplexe und dazwischen,
meist in größerer Entfernung, kleine Dörfer. In unserem
Nachbardorf trafen wir Liebermann. Es war ein verregneter
Sommer und Liebermann lief in Ilolzschuhen und in einem
blauen Kittel umher. Als wir ihn zum erstenmal sahen,
hielten wir ihn für einen Viehhändler; so ließ er sich da-
mals gehen. Wir machten ihm übrigens seine Idee, Holz-
schuhe bei dem ewigen Regen zu tragen, nach und fanden
dies ungemein praktisch, nur darin zu marschieren war im
Anfang schwer. Als wir uns dann öfter trafen, zeigte er
uns auch seine Bilder; namentlich die große „Bleiche" und
die „Weberstube" imponierten uns ungeheuer. Wir trafen
ihn einmal Sonntags bei der Arbeit in der Weberstube. Er
hatte die ganze Familie herausgesetzt, um in Ruhe das In-
terieur und die Webestühle malen zu können. Er war in der
Drenthe von Juni bis in den Oktober hinein und arbeitete
fabelhaft. Er sagte, er meine mal wieder „einen Medaillen-
greifer" zu malen.

Ende der achtziger Jahre waren wir, verschiedene Düssel-
dorfer Maler, dann mehrere Jahre mit Liebermami in Kat-
wyck on Zee zusammen; er malte sehr große Bilder und
Studien dazu, er konnte sich, zum Beispiel garnicht genug
tun an Bewegungsstudien von der Frau, die die Ziegen zieht.
Auch eine Unmenge Zeichnungen und Studien zu den Netz-
flickerinnen entstanden. Er nahm mich einmal mit, und es
war famos, wie er mit all den Weibern umging, trotzdem
sein Holländisch damals noch recht merkwürdig war. Erstand
sich vorzüglich mit allen! Auf Schritt und Tritt zeichnete
er kleine Landschaften, alte Häuser, mit schwarzer und weißer
Kreide auf grauem Papier; er arbeitete eigentlich immer.
Ich erinnere mich, wie er uns einst Sonntags ganz früh zu
einem Spaziergang nach Nordwyck abholte, er war fabelhaft
amüsant, begeistert bei jeder kleinen Ecke und zeichnete
fast im Gehen, was ihm auffiel. In Nordwyck hat er dann
einige Jahre später viel gearbeitet, namentlich die Reiter-
bilder am Strand. Im Altmännerhaus in Katwyck war ihm
ein Alter, den er malte oder zeichnete, plötzlich in der Nacht
gestorben; da war er sehr unglücklich, denn all die Alten
waren nun mißtrauisch und meinten, sie müßten auch sterben,
wenn er sie malte. Ich hatte in diesen Jahren zum ersten
Male eine kleine Kollektion meiner Arbeiten kleineren For-
mats im Künstlerhaus in Berlin ausgestellt. Er sagte mir
Anerkennendes darüber. Ein Bild, eine regnerische graueAnsicht
von Dordrecht, habe er eigentlich kaufen wollen; er riet
mir, was ich leider nicht befolgte, nach Berlin zu ziehen,
da wäre doch noch am meisten los. Die fast regelmäßigen
Abende im Hotel Hacker „dem Schwaan" waren äußerst
interessant. Er unterhielt andauernd auf die geistreichste
Weise, erzählte von seinen Zuneigungen und Abneigungen.

Helmuth Liesegang beging am 18. Juli dieses Jahres seinen sieb-
zigsten Geburtstag. Liebermann gratulierte ihm; und das gab in der
Folge dann Anlaß zur Niederschrift dieser Erinnerungen.

Menzel, Israels, der ihn auch öfter in Katwyck besuchte,
und Leibi waren damals seine ganze Schwärmerei. Aber
auch Dagnan-Bouveret, dessen „Pardon au Breton" damals
viel Aufsehen machte. Ob er das jetzt noch zugeben wird?
Von den Alten war natürlich außer Rembrandt, Frans Hals
sein Liebling. Sein großer Haß waren einige Berliner, nament-
lich einige Landschafter. Er erzählte von einigen, die wipp-
ten mit dem Fuß gegen die Staffelei, hielten den Pinsel
an die Leinwand, und durch das Wippen käme dann ihr
famoser „Baumschlag" heraus. Eine sehr produktive Land-
schaftsmaler-Familie, Vater und diverse Söhne, traf sein
ganzer Haß. „Man müße der ganzen Familie X . . . die
Klauen abhacken." Von Menzel erzählte er folgende Ge-
schichte : Liebermann kommt mit Israels und Frau mit Menzel
zusammen. Liebermann stellt vor. Menzel fragt Israels:
„Sind Sie auch Maler?" Tableau. Frau Israels ist wütend.
Von Manet und seinem Kreis sprach er damals noch nicht
oder nur wenig, soviel ich mich erinnern kann. Dann, etwa
ein Jahrzehnt später, traf ich Liebermann bei der Jury und
dem Arrangement der Ausstellung des deutschen Künstler-
bundes und der Kunstgenossenschaft in Dresden. Ich war
für Düsseldorf dort und hatte natürlich mit meinen paar
Düsseldorfer Bildern einen schweren Stand. Liebermann und
Kalckreuth waren die beiden Hauptmacher. Sie waren ge-
wisse Gegensätze. Kalckreuth hatte eine Dame vorgeschlagen,
Liebermann eine andere. Liebermann sagte: „Die kratzt
mir ja die Augen aus, wenn ihr Bild nicht gehängt wird.
Die fällt mir ja tot hin". Nach langer Debatte einigte man
sich. Vor der Eröffnung der Ausstellung reisre Liebermann
aber schleunigst ab, und überließ es Kalckreuth bei der Er-
öffnung die Honneurs zu machen. Später, im Sommer erzählte
er mir in Nordwyck, er hätte sich gleich gedacht, daß es
dabei einen Krach geben würde. Und richtig, bei der Er-
öffnung gab es einen großen Spektakel. Nach dem Eröff-
nungsessen im Schloß hielt der König Cercle ab, und da
machte der König Kühl, der die ganze Ausstellung geleitet
hatte und schon sehr nervös war, mit erhobener und lauter
Stimme Vorwürfe. Die Ausstellung wäre eine Schweinerei.
Das wäre keine Ausstellung, in die man seine Kinder führen
könne, all die Nuditäten etc. Kühl brach in Tränen aus.
Kalckreuth behielt die Haltung. Die Vorwürfe waren auch
nicht direkt an ihn gerichtet. Er unterhielt sich gerade mit
der dicken Prinzessin Mathilde, die selbst malte! Später
kam dann ein Brief, ich glaube vom Hofmarschallamt, in
dem die Beschuldigungen zurückgezogen wurden. Bei der
nächsten Dresdener Ausstellung war ein Bild im Kladdera-
datsch: Der König mit seinen Söhnen und dem Kultus-
minister in der Kunstausstellung. Der König sagt: „Bedankt
eich mal schene beim Gultusminister, daß diesmal nur lauter
schene Landschaften ausgestellt sind!" Von allen Malern,
die ich persönlich kennen lernte, ist wohl Liebermann der
amüsanteste, geistreichste, lebhafteste, sarkastischste gewesen,
wie auch der natürlichste, famoseste Mensch, den man sich
im täglichen Umgang wünschen könnte.

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