Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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DOSSENA, FÄLSCHUNG EINER RÖMISCH • ARCHAISTISCHEN MÄDCHENSTATUE. HOCH 94 cm

(RECHTS: DETAIL DES KOPFES)

AUSGESTELLT IM METROPOLITAN MUSEUM, NEW YORK

etwas moderner Ausdruck. Die „Verwitterung" scheint
durch Kochen und Bearbeitung mit rauhem Stein erzielt zu
sein. Eine andere Fälschung ist ein Porphyrkopf im römi-
schen Stil, scheinbar eine Kopie. H. P.

HEINRICH ZILLE t

Tn seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahre ist Heinrich Zille
einem Schlaganfall erlegen. Im letzten Jahrzehnt seines
Lebens genoß er eine gewisse Volkstümlichkeit. Allerdings
galt diese Popularität nur bedingt dem Künstler; sie galt in
erster Linie dem Kenner und Interpreten berlinischen Lebens-
gefühls, und sie wurde zuletzt etwas künstlich gesteigert durch
Kino, Bälle und Sommerfeste: Zille wurde in den grellen
Lichtkegel des öffentlichen Interesses gezerrt, wohinein seine
schlichte Gestalt gar nicht paßte. Sogar bei der Beerdigung
in Stahnsdorf noch, wo die Kommunisten ihn mit Brandreden
für sich in Anspruch nahmen und ihn dem Oberbürgermeister
streitig machten.

Der Zeichner Zille hat die Achtung seiner Kollegen vom
Fach gehabt. Seiner menschlichen Eigenschaften und auch
der forschen Unbekümmertheit seiner Kunst wegen. Für ein
großes, neue Wege gehendes Talent ist er kaum je gehalten
worden, hat er sich selbst nie gehalten. Das Beste seiner
Zeichnungen liegt nicht in der Form, sondern im Einfall, im
Griff der Situation, in der genauen Kenntnis der dargestellten

Menschen aus den Kellern, Hinterhäusern, Kaschemmen und
Laubenkolonien der Großstadt. Es liegt nicht selten in der
Unterschrift. Zille kannte die Welt, die er darstellte, bis zum
Grund. Er hatte, obwohl eingewandert, den Berliner Witz,
diesen decouvrierenden Witz, der unsentimental ist bis zur
Empfindungslosigkeit. Er war weder ein sittlicher Eiferer,
ein spottender Kämpfer mit dem Griffel, noch ein kalter
Skeptiker und Weltverächter. Mit einer gewissen heiteren
Rüdigkeit konstatierte er die Unterwelt der Großstadt. Bei
ihm verulkt sich die Prostitution, das Verbrechertum, das
Kleinbürgertum und Proletariat selbst. Es ist die Berliner
Selbstironie, die in ihm einen Anwalt gefunden hat. In keinem
Zug gleicht dieser Zeichner des Sozialen einem Don Quixote;
eher gleicht er schon dessen Begleiter, dem Sancho Pansa.
Das Leben wie es ist, nahm er mit einer Bereitwilligkeit hin,
daß einem vor seinen allzu schmissigen Kinderzeichnungen
zuweilen das Lachen vergeht und einer Verstimmung Platz
macht.

Das Ganze der Zilleschen Produktion ist etwas eintönig,
weil er künstlerisch kaum Probleme kannte. Kein gestalten-
der Humorist, aber ein Mensch mit Humor und schlagkräftigem,
drastischem Witz. Wenn man ihn einordnet, tut man gut, nicht
an große Zeichner zu denken; er gehört eigentlich noch zu
den alten Berliner Witzzeichnern um die Mitte des neun-
zehnten Jahrhunderts. Das Altmodische an ihm war das
Beste. Mit ihm stirbt, so möchte man etwas paradox sagen,
ein Stück Alt-Berlin. K. Sch.

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