Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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der für Essen bereits die Börse und die Synagoge erbaute.
Die Aufgabe war von der schönsten Art, kaum dadurch er-
schwert, daß die beiden Villen die Front nach der Straße
behalten sollten; der Eingang zu dem Neubau, für den ein
weites Hintergelände zur Verfügung stand, mußte also zwi-
schen ihnen hindurch führen: eine Hemmung, die nur Ver-
zicht auf eine Fassade bedeutete. Im übrigen war alle Frei-
heit gegeben. Der vorhandene Platz war so groß, daß man
im wesentlichen mit einem Erdgeschoß auskommen konnte
und nur einigen Teilen des Baues ein Obergeschoß aufzu-
setzen brauchte. Bei dieser Situation kam alles auf eine
geschickte Grundrißlösung an. Was Körner daraus gemacht
hat, ist rasch beschrieben. Man stelle sich ein Quadrat vor:
die Ausstellungsräume bauen sich an seinen vier Ecken auf,
während die übrigbleibende kreuzförmige Mitte von zwei
großen Höfen und einer riesigen „Aula" eingenommen wird.
Der einen Seite ist noch ein Vortragsraum von beträcht-
lichen Abmessungen und der ganzen Rückfront ein mächtiger
Oberlichtsaal vorgebaut. Die Höfe, Vortragssäle mit ihren
Vorräumen, Verbindungsgängen und Hallen sind das Herz-
stück der Anlage, während die eigentlich musealen Räume
buchstäblich in die Ecken verwiesen sind. Von einer ver-
ständigen Führung des Besuchers ist keine Rede, die Orien-
tierung ist ungemein erschwert, man weiß eigentlich nie,
wo man sich befindet, der Weg, dem man folgen soll, gleicht
einer verschlungenen Arabeske. Man ist dauernd auf der
Suche, auf der Suche nach dem Museum, das sich hinter
repräsentativen Hallen versteckt hält. Die meisten Räume
sind nur hier und da verbreiterte Korridore, kaum einer lädt
zum Verweilen ein, zum wirklichen Schauen. Vielfach stört
die aufdringliche, wahrhaft geschmacklose Ausstattung der

Fußböden und Wände mit farbigen Klinkern, die eigentlich
jede Aufstellung edlerer Werke verbietet. Die schönsten
Stücke des alten Folkwang hängen in jenem riesigen Ober-
lichtsaal, der die ganze Rückfront des Gebäudes einnimmt.
Das Vielerlei in dem übermäßig großen Raum läßt kein
Bild, keine Plastik zur Wirkung kommen: dieser Gedanke,
fast den gesamten wertvollen Besitz des Museums an Werken
moderner Kunst in einem einzigen Saal zu vereinen, zeugt
von einer erschreckenden Phantasielosigkeit. Man steht
fassungslos und ganz genußunfähig soviel Mangel an Takt
gegenüber. Um das Oberlicht, das bei den gewählten Di-
mensionen von unmöglicher Wirkung wäre, zu verdecken,
sind soffittenartige Gipsbalken unter dem Glasdach aufge-
hängt: so fällt das Licht streifig ein und die Decke wirkt
beängstigend schwer. Der Brunnen mit den fünf Knaben-
figuren von George Minne steht in einem kreisrunden Durch-
gangsraum, den höchst unpassende Wanddekorationen von
Oskar Schlemmer als Sockelfries umkleiden.

In dem alten Folkwang zu Hagen war es etwas eng und
unbequem, aber man sehnt sich nach ihm zurück und ist
innerlich ganz und gar überzeugt, daß Osthaus keine Freude
an dieser Schöpfung seiner Essener Verehrer finden würde.
Wieder ein Museum, in dem ehrgeizige Repräsentationslust
den inneren Sinn des Ganzen überwuchert! Schwerlich wird
man dem Architekten allein den Vorwurf machen können,
seine Auftraggeber wollten anscheinend diese große Aufma-
chung, sie gibt sich hier äußerlich nach dem „Stil" der Bau-
formen als ganz modern, innerlich ist es echteste wilhelmi-
nische Tradition. Dem verdienten Museumsdirektor Dr. Gose-
bruch wird niemand solche Gesinnung zutrauen, nur schade,
daß er nicht den Mut zu einem energischen Protest fand.

K.

JAKOB ROSEN BERG, JACOB VAN RUISDAEL

(BERLIN, BRUNO CASSIRER)

VON

HANS KAUFFMANN

Tn diesem gelehrten und vornehmen Buch begrüßen wir
eine besonders wichtige Neuerscheinung: eine große Auf-
gabe der Forschung ist von Jakob Rosenberg so gut wie er-
schöpfend gelöst worden.

Einer Abhandlung über das Leben und die Kunst Jacob
van Ruisdaels schließt sich ein Katalog aller seiner Bilder,
sowie der meisten seiner Zeichnungen und ein Tafelwerk
an mit 136 Lichtdrucken nach Gemälden und Graphiken
des holländischen Landschafters, nebst 22 weiteren nach
Werken zeitgenössischer Meister der holländischen Land-
schaft. Der Katalog verarbeitet Hofstede de Groot's „Kriti-
sches Verzeichnis" (Bd. IV, 1911), bringt manche berechtigte
Änderungen in der Autorenbestimmung und vermehrt die Zahl
der Bilder mit einigen 90 Nummern; um seiner sicheren Kritik
und weitreichenden Kenntnis der Originale willen wird er
in Zukunft maßgebend bleiben; zur Ergänzung der Liste
der Zeichnungen sei auf die Dvce-Collection verwiesen. Die

Abbildungen vertreten alle Richtungen der Ruisdaelschen
Landschaftskunst in einer der Chronologie folgenden Zu-
sammenstellung. Der Text beginnt mit der kurzen Bio-
graphie und unternimmt es weiterhin, die Chronologie zu
begründen; Rosenberg bietet die Ergebnisse seiner For-
schungen mit jener freien Beherrschung des Stoffes dar,
die keines umständlichen Argumentierens mehr bedarf, son-
dern schlicht und treffsicher Wesentliches in eine anmutige
Sprache kleidet.

Indem Jakob Rosenberg Ruisdaels Entwicklung darstellt,
gibt er zugleich eine tiefdringende Analyse seines Stils.
Neuartig bestimmt er die optische Form der Landschafts-
aufnahmen Ruisdaels als eine Synthese von Nah- und Fern-
sicht. Sie findet in der zwiefältigen Begabung dieses Künst-
lers ihre Erklärung: in der sinnlichen Kraft seines Auges
und in seinem Verlangen nach Bildarchitektonik. Aus bei-
dem erwächst auch die Eigentümlichkeit seiner Raumbildung:

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