Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

Page: 402
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1929/0431
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER AKADEMIE

A uch diese Ausstellung gibt wieder einen guten Querschnitt
^ der gegenwärtigen deutschen Kunst. Manches freilich
fehlt; aber selbst wenn es zur Stelle wäre, würde der Ge-
samteindruck nicht viel anders sein. Und es ist schon so
des Guten fast zu viel. Es ist bezeichnend für unsere neuere
Kunst, daß eine Jahresschau nicht unvollständig ist, wenn
dieser oder jener Künstler fehlt. Denn es gibt nicht über-
ragende jüngere Talente, die der heutigen Kunst ein Ge-
sicht geben und deren Jahresproduktion man vorher schon
begierig ist, kennen zu lernen. Das Niveau ist ziemlich
gleichmäßig, es ist von mittlerer Höhe. Bezeichnend ist
eine gewisse Eintönigkeit. Sie ist um so merkwürdiger, als
jeder Künstler fast bestrebt ist, anders zu sein als alle
Genossen. Die Anstrengung ist weniger darauf gerichtet,
besser zu sein als die anderen, als vielmehr anders zu sein.
Man sollte im ersten Augenblick meinen, ein solches Streben
müßte die Ausstellungen sehr bunt und interessant machen.
Bunt macht es sie, aber nicht interessanter. Denn es wird
nur um so mehr gefühlt, daß die einheitliche Sehform, die
regierende Tradition, die allgemeine, optisch sich gebende
Weltanschauung fehlt. Als Richard Muther in Paris die ersten

TOULOUSE-LAUTREC, DER DICHTER WILDE. AQUARELI

SAMMLUNG NATANSON. VERSTEIGERT AM 16. MAI IM HOTEL DROUOT.

Bilder der Impressionisten gesehen hatte, gestand er, daß
er die Maler nicht unterscheiden könne. Wenn wir jetzt
eine Ausstellung guter Bilder von Monet, Pissarro, Sisley,
Manet, Renoir, Degas, Cezanne usw. sehen: welche Mannig-
faltigkeit, welche Fülle an Persönlichkeit erblicken wir da!
Die gemeinsame Schule hebt das Persönliche, sie drückt es
nicht. Umgekehrt wirkt in einer Ausstellung wie dieser das
deutliche Bestreben nach Eigenart egalisierend. Denn es
kann sich die Eigenart ja nur in Nebendingen äußern, im
Motiv, im Vortrag, im Format usw. Am schlimmsten ist, daß
bei solcher Arbeitsweise so viel verloren geht. Das ist frei-
lich besonders bezeichnend für die deutsche Kunst. Die
neue französische Kunst ist ihrem Niveau nach kaum viel
höher als die deutsche. Aber sie ist viel einheitlicher; auch
jetzt noch geht in Frankreich nichts verloren, alle scheinen
an derselben Aufgabe zu arbeiten.

Gegen dieses Übel hilft freilich nicht das Wort. Rat-
schläge gar wären albern. Die Kunst kann sich nur selber
helfen. Dem Zeitbetrachter bleibt nur immer wieder die
Konstatierung dessen, was ist.

Und damit sind wir eigentlich schon am Ende der Be-
trachtung. Es bleibt festzustellen, daß sich
die Ausstellungen der Akademie, der Ber-
liner Sezession, der größeren Jahresausstel-
lungen im Süden,Westen und Norden Deutsch-
lands und in den Kunsthandlungen immer
ähnlicher werden. Zwischen gut und schlecht
klafft nicht mehr ein Abgrund; alles wird
irgendwie Mitte.

Es wäre nicht schwer, von den dreihun-
dert Bildern und Plastiken dieser Frühjahrs-
ausstellung eine Anzahl hervorzuheben und
manchen Namen zu nennen. Denn es ist
viel Beachtenswertes da. Doch würde immer
etwas Ungerechtigkeit im Spiel sein, da das
nicht Genannte in vielen Fällen kaum geringer
wäre. Darum mag es für diesmal bei diesen
allgemeinen, etwas melancholischen Anmer-
kungen sein Bewenden haben. Zusammen-
fassend läßt sich sagen: an Begabung fehlt
es nicht — wenn man von wirklich großen,
führenden Talenten absieht; es fehlt die
Kraft der Zeit, diese Begabungen zusammen-
zufassen, zu beruhigen, zu steigern. Zuletzt
ist es dann freilich doch eine Talentfrage.
Denn wäre diese Kraft am Werk, so wären
auch die großen, Richtung gebenden Ta-
lente da. Oder, anders ausgedrückt: wenn
die mitreißenden Talente vorhanden wären,
so wäre auch die Kraft der Gemeinsam-
keit da.

Diese Erscheinung ist ja aber, wie man
weiß, nicht nur in der Kunst zu kon-
statieren, sondern auf allen Gebieten geisti-
ger Arbeit. Und es ist nicht nur in Deutsch-
. 60:89 cm land so, sondern in aller Welt.

ÖOOOO MARK Karl Scheffler.

402
loading ...