Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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MAX BECKMANN, DIE ANPROBE. 1928 MAX BECKMANN, DIE LOGE. 1928

AUS DER 50. AUSSTELLUNG IM GRAPHISCHEN KABINETT, MÜNCHEN

UNSTAUSSTELLUNGEN

PARIS

Nach den Ereignissen der letzten
Saison, deren Höhepunkte die bis
zum Schluß vielbesuchte Ausstellung
gotischer Teppiche im Museum der
Nationalen Gobelinmanufaktur und
die schöne Corot-Ausstellung bei Rosenberg gewesen sind,
trat die traditionelle Sommerpause ein, die da und dort
noch jetzt anhält. Eine fast unübersehbare Reihe privater
Salons hat ihre Pforten zwar das ganze Jahr geöffnet; doch
ist es mit den eigentlichen Schaudarbietungen schon vorbei,
wenn der Grand Prix zu Longchamps gelaufen ist, wenn
mit zunehmender Wärme die Entvölkerung der noblen
Faubourgs und die gleichzeitige Überflutung der großen
Boulevards durch die Karawanen Cooks und Lunns einsetzt.

In diesen schönen Herbsttagen suchte ich etliche Male
das Musee Rodin auf, nicht nur da es in künstlerischer Hin-
sicht eine Reihe neuer Anregungen bot, sondern auch weil
sein Park — im Schmuck der letzten Rosen, fruchttragender
Bäume und fallender Blätter — die atmosphärische Poesie
der Ile de France im Wechsel der Jahreszeit mit einer be-
zaubernden Gewalt beschwört. Im Obergeschoß des Hötel
Biron hängt gegenwärtig ein Zyklus der Öffentlichkeit bisher
noch nie gezeigter Zeichnungen. Sie stammen aus den
Mappen des Museums, das über die erstaunliche Fülle von
rund siebentausend Blättern verfügt. Handschriftliche Notizen

wie „ascension du genie", „ange gardien" usw. deuten an,
welche Bewandtnis es teilweise damit hat; doch ist man
vom triebhaft schwellenden, sinnlichen Leben auch dann
benommen, wenn die metaphysische Absicht außer Frage
steht. Zumeist ist das Tempo fieberhaft, Gedanken und Ein-
fälle werden — vornehmlich in der Gestalt des Weibes —
Zum erstenmal fixiert, Visionen, deren Symbolismus dann
und wann auffallend an Hodlers gleichzeitige Empfindungs-
malerei erinnert, vorweggenommen oder kommentiert.

Der zeichnerische Besitz des Musee Rodin verkörpert
einen Schatz, der heute noch nicht seiner vollen Bedeutung
entsprechend ausgewertet, ja in gewisser Hinsicht erst zu
heben ist. Der ausgezeichnete Konservator wird ihn aber
einstweilen durch Wechselausstellungen nach und nach be-
kannt und auch auf andere Art dem Publikum leicht Zu-
gänglich machen. Gegenüber der schönen Auswahl, die er
daraus bot, fiel eine Ausstellung verwandter Art im Luxem-
bourg erheblich ab: Die Zeichnungen französischer Künstler
von 1880 bis zur Gegenwart, die man hier zu Gesicht bekam,
sind so bunt, so dilettantisch zusammengesetzt, daß das Gute
im Mittelmäßigen und Schwachen — dasselbe gilt ja leider
von der Galerie — verloren ging. Den stärksten Eindruck
vermittelte die lebensgroße Eva von Despiau, die in der Mitte
des gleichen Saales stand. Pflanzenhaft, breitbeinig, mit über-
großen Füßen und einem runden Kopf von ausdrucksvoller,
schöner Häßlichkeit, verkörpert sie auf neue Weise einen
Teil des Erbes, das Renoir hinterließ.

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