Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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VOR NEUEN BILDERN MAX LIEBERMANNS

VON

ALBERT LAMM

r\urch einen Zufall war ich im Anfang des letzten
Sommers einmal kurze Zeit im Atelier Max
Liebermanns in Wannsee allein. Das kleine Atelier
war fast leer. Nur eine große, eben beendete
Landschaft stand auf der Staffelei. Sein Garten
auf der Seeseite, links die Hauswand; farbige Blu-
men bestimmten den Eindruck. Geranienblüten
hängen über die niedrige Steinwand. Allein mit
dem Bilde, erlebte ich eine tiefe Überraschung.
Eine fremd gewordene, eine fast vor mir selbst
gewaltsam lange verheimlichte Stimmung überkam
mich: jene Hingabe beim Eindringen in geweihte
Räume, wenn ich als junger Mensch in das Mu-
seum ging, nicht um arbeitsam Bilder zu stu-
dieren, sondern um dort die große Offenbarung
zu erleben.

Wir sprachen an diesem Tage nur über Land-
schaftsmalerei. „Vor einer Landschaft", sagte Lieber-
mann, „mag einer beweisen, was er kann. Ein

Gesicht — das beschäftigt immer. Was ist das
menschliche Auge für ein Wunderding! Wenn
einer das noch so schlecht malt, es bleibt ja ein
Auge. Aber in eine Landschaft muß einer erst
das Fesselnde hineinlegen, und dazu muß er aus
sich selber etwas geben können. An der Land-
schaft sieht man, was ein Maler als Künstler wert
ist. Landschaftsmalerei ist die schwerste Kunst."

Liebermann malte wieder den ganzen Sommer,
und immer nur in seinem Garten. Immer andere
Blumen werden gepflanzt, die verschiedenen Win-
kel der Gärten vor und hinter dem Hause geben
die verschiedenartigsten Bildmotive. Ich hatte wie-
derholt jenen Eindruck der großen Landschaft vom
Junianfang heimlich nachgeprüft. Im Herbst durfte
ich Liebermann wieder selbst über seine Arbeit
sprechen hören; und ich versuchte, mir klar zu
machen, was hier geschehen war.

Liebermann war sehr ernst gestimmt. „Ich bin

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