Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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DEUTSCHE MALER 1780 BIS 1850

AUSSTELLUNG BEI HUGO HELBING IN BERLIN

vo N

HANS MACKOWSKY

Tm Moabiter Glaspalast die weitschichtig angelegte General-
schau über die altberliner Kunst — hier, gemeinsam ver-
anstaltet von Hugo Helbing und von der Ludwigsgalerie in
München, in gedrängter Übersicht das Korrelat großdeutscher
Kunstbetätigung von 1780 bis 1850, eine willkommene Er-
gänzung, die, wenn sie auch nicht mehr sein will als ein
Querschnitt durch die Leistung der ganzen Zeit, einseitigem
Urteil vorbaut und den Standpunkt klärt. Immerhin umfaßt sie
gegen hundertsiebzig Kunstwerke, und sie würden sich in den
beschränkten Räumen einer ehemaligen Privatwohnung kaum
zur Geltung bringen lassen, wären sie nicht in leichtfaß-
barer Übersicht nach Schulen angeordnet. Mit Freude be-
grüßt man Bekanntes, so namentlich einige nazarenische Kost-
barkeiten wie das Pforrsche Diptychon „Sulamith und Maria",
das den Wert einer kunstgeschichtlichen Inkunabel hat,
Seltenheiten, wie des noch immer rätselhaften Peter Kraffts
Bildnis von D. Artaria, die ihrer Zeit weit vorauseilende
„Häuserecke" von Ramboux, der in der Leuchtkraft und dem
Schwung der Bewegung unmittelbar an Gericault erinnernde
„galoppierende Kürassier" von dem ganz jung verstorbenen
Karl Schindler.

Absichtlich tritt Berlin zurück, doch fehlen nicht die re-
präsentativen Meister. Ausdrücklich sei auf die einwandfreie
und charakteristische „Parkansicht mit Sanssouci" von Blechen
hingewiesen; Eduard Gärtners „Schloßfreiheit in Berlin" ist
trotz des schon späten Jahrganges 1855 eine vollwertige Ar-
beit des Meisters, Hosemann erfreut mit einer auch farbig
amüsanten Rokokoszene aus seiner besten Zeit, Eduard Meyer-
heim mit einem „Kirchgang" vor der alten Gernroder Stifts-
kirche, und Menzel leitet, wie stets, aus der lokalgeschicht-
lichen Tradition hinaus zur zeitlich und örtlich nicht mehr
bedingten Malerei des freien Vortrags.

Des Nordens träumerische Versonnenheit blickt aus zwei
kleinen, in Braun und Silber gehaltenen Strandszenen von
C. D. Friedrich. Liebenswürdig das blaue Küstenbild des Ham-
burger Jakob Gensler, nazarenisch streng Erwin Speckters
„Rahel und Jakob am Brunnen" mit besonders hübschen
Hintergrundfiguren in zartem Licht.

Wilhelm Schadow, im Bildnis leicht trocken, in der reli-
giösen Darstellung, wie sein berühmter Vater Gottfried zu
sagen liebte, „etwas timide", führt hinüber zu Düsseldorf,
wo Schirmer mit farbiger Kraft pathetisch durchseelte Land-
schaften, besonders die beiden nach italienischen Motiven,
geschaffen hat, und Lessing den Stimmungsausdruck der
Landschaft mit historischen Figuren in Einklang setzt.

Im Dresdener Kreis treten die bekannten Namen mit
selten gesehenen Werken auf. „Kügelgens Atelier" von Ker-
sting schließt sich als eine besonders frühe Arbeit (1805)
den meisterhaften Raumdarstellungen des Künstlers an, Carus
mit zwei im Spitzbogen abgeschlossenen größeren Ge-
mälden ist auf seines Freundes und Lehrers Friedrichs Spuren

ganz Romantiker mit Mondschein und gewappneten Wäch-
tern, das Seestück an der Küste von Neapel von Dahl steht
auf der gleichen Höhe wie das ähnliche in der Nationalgalerie.
Ludwig Richter ist neben späten, leicht verblasenen Aquarellen
mit einem seltenen Frühwerk aus seiner italienischen An-
fangszeit „Ponte Nomentano" vertreten. Von da aus blickt
man zurück auf Koch und Martin von Rohden, und zu dem
von Schinkel bewunderten Heinrich Reinhold, auch einem
früh Vollendeten, als dessen merkwürdigste Arbeit hier eine
in tief dunkelbraune Töne versunkene „Abenddämmerung"
erscheint. Ein später Preller, ebenfalls „Ponte Nomentano"
darstellend, sollte Anlaß geben, das allzu einseitige Urteil
über diesen „letzten Homeriden" einer Revision zu unter-
ziehen.

München und Wien breiten sich stattlich aus. Von Ed-
linger sieht man ein vorzügliches Fürstenbildnis, von Dillis
unter anderem eine kleine Isartallandschaft, so frisch und
luftig, wie ein Corot dTtalie, Wilhelm von Kobell rechtfer-
tigt vollauf seinen nach langer Vergessenheit neu erworbenen
Ruhm; seine großen „Don-Kosaken" reihen sich würdig
den Schlachtenbildern im Münchener Armee-Museum an.
Vor dem feinsten der drei Gemälde von Bürkel, „Landschaft
bei Kochel" mit den leuchtenden gefällten Baumstämmen
am Ufer, merkt man den Zusammenhang mit Kobell. Spitz-
weg mit zwei ausgezeichneten größeren Frühbildern und
einem miniaturhaft feinen Selbstbildnis von 1836 sowie
Schwind leiten diese Schule aus.

Eine letzte Überraschung bietet Wien. Bemerkenswert
vom älteren Olivier zwei kleine, biblisch anmutende Dar-
stellungen: „Am Brunnen" und „Heimkehr"; vom jüngeren
Friedrich die physiognomisch bedeutende Zeichnung des
Freiherrn vom Stein, vermutlich ein versprengtes Blatt aus
dem in Wien bewahrten römischen Porträtalbum. Waldmüller
entzückt mit dem farbig delikat gesättigten Bildnis der Frau
Josefine v. Szüts; unter Peter Fendis Arbeiten bezaubert die
Rückenfigur eines am Fenster stehenden Mädchens, und die
Aquarelle von Rudolf von Alt, namentlich die kleineren, wirken
wie von südlicher Anmut und Leichtigkeit beschwingte Men-
zel-Impressionen. Das alles können nur Andeutungen sein
von dem Reichtum des Gebotenen. Woher aber stammt diese
wohltuende Geschlossenheit im Zusammenwirken so vieler
artverschiedener Arbeiten aus weit zerstreuten vaterländischen
Gauen? Lassen wir alle Vergleiche zwischen einst und jetzt,
wie sehr sie sich aufdrängen, beiseite, denn sie sind un-
fruchtbar und im Ergebnis ungereift. Stellen wir nur das
eine fest, daß sich das Verhältnis von den Schaffenden zu
den Genießenden gegen einst grundsätzlich verschoben har,
daß ein treuer Handwerkswille die Künstler beseelte und
daß die Kunstbegehrenden mit ihrer Wahl dem eigenen Ver-
langen nach Schönheit einen manchmal gewiß nur beschei-
denen, stets aber persönlichen Ausdruck gegeben haben.

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