Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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bevorzugt das Leichte und Geschmeidige und erzielt oft
glückliche dekorative Wirkung. Das Naturgefühl schien mir
bei den Norwegern und den Finnländern am lebendigsten
wirksam. Von Überschwang bleibt man im üblen wie auch
im guten Sinne zumeist fern, und im Ganzen wirkt die
Kunst der Jüngeren mehr durch ihr Niveau als durch über-
ragende Persönlichkeiten. Freilich hat die Malerei des Nor-
dens in den jüngsten Jahren schwere Verluste erlitten: so
ist der brennende Ludwig Karsten dahingegangen, der unter
den Norwegern wohl am ehesten zur Nachfolge Münchs
berufen war; so Nicolai Astrup, der Einsiedler von Jölster,
von dessen bis zum Dämonischen sich steigernden Natur-
gefühle das kraftvolle „Stabbur" der Ausstellung doch keine
zureichende Vorstellung gab; und so auch der Schwede
Leander Engström, der in seinen kühnen Arbeiten der

Deuter der herb nordischen Natur Lapplands geworden ist.
Die schwedische Abteilung zeigte wohl die größte Mannig-
faltigkeit: Einar Jolins elegante Flächenkunst, Niels von
Dardels rassige Zeichnungen, Otte Skölds feine „neue Sach-
lichkeit" und nicht zu vergessen die prachtvolle Zeichen-
kunst Albert Engströms, die man der des Simplizissimus-
kreises vergleichen könnte, die aber weit mehr bodenver-
wachsen ist als diese.

Die Bildnerei beherrschte Karl Milles mit seinen Monu-
mentalwerken, vor allem mit dem volkstümlich lebensvollen
„Folke Fylbyter" von der Brunnenanlage in Linköping.
Von Dänemarks bedeutendstem neueren Plastiker Kay
Nielsen — auch er ist vor der Zeit dem Leben ent-
rissen worden — sah man einige sehr geistreiche Klein-
plastiken.

DRESDENER AUSSTELLUNGEN

TAer Kunstverein beschloß sein Jubiläumsjahr mit einer
Ausstellung neuer Kunst seit etwa 1870 aus Dresdner
Privatbesitz. Im wesentlichen handelte es sich — abgesehen
von einigen Ausnahmen — um deutsche Kunst; ein großer
Teil der schönsten Franzosen aus der Sammlung O. Schmitz
war ja in den letzten Jahren mehrfach gezeigt worden. Für
die meisten ist es eine Überraschung gewesen, wie reich
und wie gut der Besitz Dresdner Sammler an Werken, ja
oft an Hauptwerken des deutschen Impressionismus ist.
Ebenso überraschend aber ist es, daß die auf Dresdner Boden
entstandene Kunst der „Brücke" bei den Dresdener Kunst-
freunden so wenig Eingang gefunden hat, während die Kunst
der folgenden und jüngsten Zeit schon sehr eindrucksvoll
vertreten ist. Es sind namentlich die Sammlung Dr. Glasers
und die Bienertschen Sammlungen absoluter und konstruk-
tivistischer Malerei, die von starkem aktivem Interesse am
Kunstgeschehen der lebendigen Gegenwart Zeugnis ablegen. —
Ein Gebilde von hoher Qualität ist die Sammlung von Hand-
zeichnungen, die Hermann Müller zusammengebracht hat.

Die Dresdner „Sezession", die vor zehn Jahren von Dix,
Felixmüller, Otto Lange, Segall und anderen gegründet wurde,
veranstaltete seit längerer Zeit wieder eine größere Aus-
stellung. Wenn auch die Gruppe in ihrer Gesamtheit nicht
die bedeutende Wirkung auf die deutsche Kunst der Gegen-
wart hat ausüben können wie ihre Vorgängerin, die „Brücke",
so besitzt sie doch in Dix einen Künstler, dessen Vorsrellungs-

welt und Form unser Bild vom heutigen Menschen nach-
drücklich beeinflußt hat. — Zwei Talente sind unter den
jüngsten Mitgliedern hervorzuheben: Oelze, ein Künstler von
großer Selbstzucht und Willy Kriegel, ein ausgesprochenes
Maltalent, sichtlich noch im Banne der frühen Stilleben
Kokoschkas. Die Kunsthandlung „Fides" brachte fast gleich-
zeitig eine Sonderausstellung Kriegeis.

Die „Künstlervereinigung" feiert ihr zwanzigjähriges Be-
stehen. Immer ist sie für Dresden der Sammelpunkt der
selbständigen Persönlichkeiten gewesen, und vieles lebens-
kräftige Neue hat von dort aus seinen Ausgang genommen:
bereits im Gründungsjahre stellten die Künstler der „Brücke"
dort aus. Die streng jurierte Ausstellung zeigt durchgehends
ein beachtliches Niveau vor allem in der Plastik (Albiker)
und sie ist, wie es hier Tradition ist, vorzüglich und mit
großem Geschmack aufgestellt. E. Münch ist mit einer Samm-
lung von zwanzig zum größten Teil noch nicht ausgestellten
Bildern vertreten; darunter die „Badenden Männer" von 1928.
Mit großer Liberalität haben die älteren Mitglieder der „Ver-
einigung" den breitesten Raum den Jüngeren eingeräumt.

Auch die Ausstellung der „Kunstgenossenschaft", die oft
an Überfülle des Materials litt, macht diesmal dank kluger
Jurierung einen wohltuend gepflegten Eindruck. Zudem sind
die schwierigen Räume (Eingangssaal und Achtecksaal) durch
die Architekten Scheicher und Meister trefflich umgestaltet
worden. Hervorragend ist die Sonderabteilung „Architektur".

K.

MODERNE KUNST IN DER BREMER KUNSTHALLE

Tn den Sommermonaten, bis Mitte September, gibt die Bre-
mer Kunsthalle einen Überblick des modernen Aquarells,
der Handzeichnung sowie der modernen Graphik — nur Kunst
des zwanzigsten Jahrhunderts, mit Ausschluß der Impres-
sionisten. Die Schau beginnt mit Münch, Toulouse-Lautrec
und Ensor und reicht bis Dix und Grosz, Chagall und Klee.
Zahlenmäßig führen selbstverständlich, da es sich um Gra-
phik handelt, die Deutschen, doch sind auch die bedeutend-
sten Franzosen vertreten. Besonders schön tritt das deutsche

Aquarell in Erscheinung. Eine besondere Note bringen
Zeichnungen uud graphische Arbeiten der modernen Bild-
hauer. Die ganze Ausstellung ist bestritten aus den Be-
ständen des Kupferstichkabinetts der Bremer Kunsthalle,
das mit seiner, durch knappe Mittel beschränkten Ankaufs-
tätigkeit, doch darauf bedacht ist, auf dem Gebiet der
zeichnenden Künste auch des zwanzigsten Jahrhunderts
wenigstens das Wertvollste und Charakteristischste an sich
zu bringen.

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