Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC, VIER FRAUENKÖPFE. 1895

LAUTRECS TOD

VON

GOTTHARD JEDLICKA

Tn den letzten Wochen, die Lautrec in Paris ver-
bringt, ordnet er Tag für Tag seine Bilder. In
dieser Betätigung liegt eine quälende Hast. Fast
immer ist Viaud bei ihm. Im Juli 1901 beschließen
die beiden, wieder nach Arcachon zu fahren. Die
Freunde, die davon hören, kommen zu einem Ab-
schiedsbesuch. Es sind nur ganz wenige. Unter
ihnen befindet sich der Verleger Floury. Als er
bei ihm erscheint, trifft er ihn in Hemdärmeln
mitten in seiner Werkstatt und atemlos mit Auf-
räumen beschäftigt. Er nimmt den Verleger am
Arm, weist auf seine Bilder und sagt: „Da, nimm
dir aus dem Haufen heraus, was dir gefällt."

An einem heißen Tag begleitet die Schar
Lautrec und Viaud zum Bahnhof. Alle wissen,
daß es das letztemal sein wird, und alle suchen
es zu verbergen. So ist die Stimmung bedrückt.
Lautrec will sie heben und zeigt eine falsche Heiter-
keit. Aus allem, was er sagt, lesen die Freunde
heraus, daß er genau weiß, woran er ist, und daß
er die Stadt, die er so leidenschaftlich liebt, nun
endgültig verläßt. Man hofft, daß die gute Luft
von Taussat und Meerbäder noch einige Zeit helfen
werden. Aber um die Mitte des Monats nimmt die
allgemeine Schwächung bedenklich zu. Eben will
er nach Arcachon fahren, um von dort nach

Malrome zu gelangen — da überfällt ihn die
Lähmung.

Man gibt der Mutter Nachricht. Sie hat schon
lange gefürchtet und eilt sofort zu dem Sohn. Sie
und Viaud zusammen bringen ihn auf das Schloß
Malrome. Dort ist es still, und Lautrec, der ganz
müde ist, hat diese Stille lieb. Zum erstenmal in
seinem Leben hat er sie wirklich lieb. Noch immer
will er arbeiten. Wenn er sich hin und wieder
ein wenig bewegen kann, versucht er sogar, auf
eine Leiter zu klettern, um das Bildnis seines
Freundes Viaud in Admiralsuniform zu malen. Er
hat das angefangene Werk oben an die Wand
des Eßzimmers gesetzt. Das Bild ist auf Leinwand
gemalt, er könnte es leicht auf einer niedern
Staffelei fertig machen. Die Mutter erzählt, wie
er immer und immer wieder gebeten hat, man
möge ihm doch erlauben, dort oben zu malen, und
wie er hartnäckig geäußert hat, ein Wandbild müsse
an der Wand gemalt sein, und zwar genau an
der Stelle, an die es gehöre.

Er entwirft noch Pläne für neue Bilder. Aber
die Gestaltung reizt ihn nicht mehr so stark. Er
tut es, um seine Umgebung zu täuschen. Noch
weiß er nicht, daß Freunde und Mutter von sei-
nem Zustand genau unterrichtet sind. Aber bald

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