Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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STIL UND MANIER

VON

MAX I. FRIED LANDER

I^\as in der Umgangssprache schillernde Wort
„Manier" ist auch als Fachausdruck der Kunst-
historiker vieldeutig. Kein Wunder, daß er zu
Mißverständnissen reichlich Anlaß gibt, da der
Schreiber oft etwas anderes darunter versteht als
der Leser.

„Manier" im gemeinen Gebrauche bedeutet
eine etwas verdächtige Art und Weise, gekünsteltes,
gespreiztes, affektiertes Wesen, Pose, verschnör-
kelte Form. Ein lehrreicher Bedeutungswandel
läßt sich verfolgen. Ursprünglich als fremdspra-
chiges Gelehrtenwort beinahe synonym mit Art
oder Gattung, wurde der Ausdruck in bezug auf
Kunstgestaltung ehemals dort verwendet, wo wir
uns gewöhnt haben, „Stil" zu sagen. Man sprach
von „maniera greca", von der „gotischen Manier",
von den Manieren des Kupferstichs als von ört-
lich, zeitlich oder technisch umgrenzten Form-
weisen. In Beziehung auf den Kunstwert war

Anmerkung der Redaktion: In diesen Wochen
erscheint im Verlag Bruno Cassirer ein Buch von Max
I. Friedländer: „Echt und Unecht". Dieser Aufsatz wird in
dem Buch enthalten sein.

der Begriff zuerst völlig neutral. In der Umgangs-
sprache enthält das Wort nicht stets, nicht unter
allen Umständen ein beanstandendes, herabsetzendes
Urteil. Man spricht von „vornehmen Manieren"
als von anerzogenem löblichen Benehmen.

Es kam die Zeit, da in der Kunstübung gute Er-
ziehung nicht mehr hoch in Ehren stand. Die
Umfärbung des Begriffes hängt mit der Entwick-
lung der Kunstlehre zusammen. Als man die
schöpferische Kraft in' Naivität, Vision und Phan-
tasie suchte, nicht in Erkenntnis, Lehre und Ge-
schmack, als man das wild Gewachsene von dem
Gezüchteten, das Gewordene von dem Gemachten
unterschied, die geheimnisvolle Macht des Unbe-
wußten entdeckte, bedurfte man eines Begriffes
für die im Kunstprozeß entstandene Formung, im
Gegensatze zu der erlernten, planmäßig ausgebil-
deten, willentlich hervorgebrachten. Das Wort
„Stil" verdrängte das Wort „Manier", drückte es
herab.

„Stil" bedeutet Formgepräge mit einem Bei-
klang von Anerkennung. Stil ist ein Flußlauf,
Manier ein Kanal. Das dreizehnte Jahrhundert

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