Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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in Berlin, aus dem Ende der achtziger Jahre zeigen jene
charakteristische helle Malerei, wie sie damals von Uhde,
Langhammer und bald auch von der Dachauer Schule gepflegt
wurde. Mit Vorliebe malte Stremel damals Bauernzimmer
und Innenräume von Kirchen.

Zur weiteren Ausbildung ging Stremel nach Paris, wo
er mit" den Neoimpressionisten in Berührung kam. Mit Ent-
schiedenheit wandte er sich, unter Umgehung der impressio-
nistischen Errungenschaften, unmittelbar der damals modern-
sten Technik zu, dem Pointiiiismus, und pflegte ihn in einer
feinen und zurückhaltenden Weise. Er siedelte um 1890
nach Flandern über, wo eine Anzahl schöner Landschaften
und Innenräume entstand. Er traf in Knocke, das damals
noch ein kleines Fischerdorf war, mit Paul Baum und Rijssel-
berghe zusammen, und zeitweise war der Stil der Künstler
so ähnlich, daß sich ihre Werke nur schwer unterscheiden
lassen. Ende der neunziger Jahre siedelte Stremel in seine
Heimat über. In der Nähe von Dresden entstanden Land-
schaften, in denen das unruhige Bunt des Pointiiiismus wieder
abgemildert war. Das Ulmer Museum hat aus dieser Zeit
ein gutes Bild erworben. Bekannt wurde Stremel damals
besonders durch seine Innenräume aus dem Goethe- und
Schillerhaus in Weimar, die indes keineswegs zu seinen
besten Arbeiten gehören.

Die persönliche Bekanntschaft mit seinem Landsmann
Otto Julius Bierbaum brachte ihn zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts nach Südtirol. In der Gegend von Bozen ent-
standen noch einmal einige schöne Landschaften voller Licht
und heller Farbigkeit. Von Südtirol führte ihn das Wander-
leben des öfteren nach Venedig, das die Pointillisten stets
besonders angelockt hat. Eine größere Anzahl von Bildern
des bewegten perlmutterschimmernden Wassers der Lagune
waren in Ulm vereinigt. Die besten darunter nähern sich
stark dem Stile von Signac.

Um 1910 kehrte der Künstler nach Deutschland zurück
und verbrachte nun die folgenden Jahre in Oberbayern, wo
ihn besonders die Gegend von Wasserburg lockte. Die Inn-
brücke bei Wasserburg hat er mehrmals gemalt. In der Zeit
der Hungersnot siedelte sich Stremel in Ulm an, wo er von
den Künstlern als ein anregender und ernsthafter Kamerad
verehrt wurde. Seine Bilder, ein wenig kühl, aber hand-
werklich gediegen und von eindringender Durchführung,
denen vor Jahrzehnten Meier-Gräfe begeisterte Kritiken
widmete, werden ihren Wert als Zeugnisse des deutschen
Kunstwollens zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht
verlieren. In den öffentlichen Sammlungen in Dresden und
Ulm ist Stremels Kunst wohl am besten vertreten.

Baum.

UKTIÜNSNACHRICHTEN

PARISER AUKTIONEN
Die erste Winterhälfte brachte wie
gewöhnlich im Hötel Drouot keine
großen Ereignisse, wohl aber eine
Reihe von Versteigerungen, deren
Ergebnisse zu verfolgen nicht un-
interessant war. Die Zeichnungssammlung des Herrn Pierre
Geismar war im ganzen keineswegs hervorragend, sie ent-
hielt aber eine Reihe französischer Blätter des 19. Jahr-
hunderts, wie sie nicht mehr oft vorkommen, vor allem ein
paar prachtvolle Zeichnungen von Ingres und von Delacroix.
Eine unfertige Porträtzeichnung von Ingres wurde mit 50000 fr
bezahlt, ebenso hoch ein außerordentlich schönes Studien-
blatt für das „türkische Bad". Der klassische Akt einer
sitzenden Frau brachte 13200 fr. Unter den Blättern von
Delacroix erzielte die reiche Kompositionsstudie zu einer
Kreuzigung mit 56300 fr den höchsten Preis. Eine Aquarell-
studie zur „jüdischen Hochzeit" stieg auf 19200 fr. Weniger
bedeutende Blätter erzielten 3—6000 fr, ein Landschafts-
aquarell 7700 fr. Die Studie eines Bauernburschen von Millet
kostete 20100 fr. Aquarelle von Gavarni wurden für 6- bis
10000 fr verkauft. Die steigende Beliebtheit der Blätter von
Guys erwies sich in Preisen von 6600 fr für eine Darstellung
eleganter Reiter, 7500 fr für einen Wagen, 11800 fr für
eine besonders schöne Frauenfigur, 7600 fr für eine spanische
Straße. Bescheidenere Blätter erzielten immerhin 1600 und
2400 fr. Eine Folge von acht Aquarellen Pariser Bälle von
Vernier wurde wohl um ihres kulturhistorischen Interesses
willen mit 29600 fr bewertet.

Hervorragende Zeichnungen alter Meister befanden sich
in der Sammlung Rodrigues, obwohl der Hauptteil der Samm-
lung bereits vor einer Reihe von Jahren in Amsterdam ver-
steigert worden war. Die kostbarsten Blätter gehörten dem
französischen 18. Jahrhundert. Ein ganz hervorragendes Blatt
von Fragonard, ein großes, locker gezeichnetes Pastell, zwei
Köpfe darstellend, wurde mit 202000 fr bezahlt. Ein Land-
schaftsaquarell aus Italien kostete 70 000, eine Landschaft in
Rötel 60000 fr. Eine schöne Figurenstudie von Watteau,
eine Dame auf einer Chaiselongue in Rötel und schwarzer
Kreide kostete 222000 fr. Gute Aktzeichnungen von Boucher
brachten 65- und 86000, eine lagernde Kostümfigur 125000 fr.
Das schönste unter den dem Francois Clouet zugeschriebenen
Porträts stieg auf 63 000 fr. Ein reizendes Blatt von Huet,
das den Laden einer Modistin darstellt, kostete 18250 fr.
Die Zuschreibung des interessanten Blattes mit der Schach-
partie erschien nicht sicher genug, um einen höheren Preis
als 23000 fr zu rechtfertigen.

In der Reihe von Versteigerungen moderner Malerei war
die bei weitem wichtigste die des Nachlasses von Camille
Pissarro. Überraschend hoch war die Bewertung der eigenen
Bilder des Malers. Es lohnt wohl, die Preise etwas ein-
gehender zu betrachten, da sie für die Zukunft eine Norm
bilden werden. Am höchsten stieg der Garten in Pontoise,
ein großes (1,65X1,25) und reiches Bild von 1877, das auf
200000 geschätzt, 310000 fr eintrug. Der Preis stand außer-
halb der Reihe wie das Bild selbst. Aber auch Bilder der
üblichen Art, die den guten Durchschnitt des Malers reprä-
sentieren, bewegten sich doch zwischen 120-und 180000 fr.

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