Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

Page: 394
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1929/0423
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ANDREAS MORITZ, BECHER
SILBER GETRIEBEN

ANDREAS MORITZ, BECHER AUS SILBER GETRIEBEN
MIT GOLDAUFLAGE

SCHMIEDEARBEITEN VON ANDREAS MORITZ

VON

ALFRED NEUMEYER

Man hat neuerdings und mit Recht den Aus-
druck „Kunstgewerbe" in Verruf gebracht.
Die reinste Form erwächst aus der klarsten Her-
ausarbeitung des Zweckes, heißt die Maxime des
Tages.

Die Schmiedearbeiten von Andreas Moritz zei-
gen, daß diese Formel nicht durchwegs Gültigkeit
hat. Kelch, Taufschale und Weihrauchbecken ent-
halten den Gebrauch in ihrer Form und sind doch
zugleich mehr, indes der Gebrauch ein vom Sinn
getragener, ein „bedeutender" ist. Ohne sakrale
Zweckgebundenheit sind die hier gezeigten Arbeiten
ähnlich entstanden, ähnlich zu verstehen. Ein aus den

Tiefen gespeister und nach den Tiefen sich sehnender
Lebenskult, dem der Hölderlin-Verse verwandt:

„— — — immer bestehet ein Maß

allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden"

trägt die Formenwelt dieser Geräte.

Sie sind einfach und kostbar. Kostbar ist das
Material: Silber und aufgelegtes Blattgold, die tast-
baren und optischen Reize des Stoffes bis aufs ge-
naueste ausgewertet. Einfach ist die Form: Kreis,
Oval und Zylinder sprechen deutlich, daneben un-
aufdringlich, aber nicht zu übersehen die latente, auf-
gespeicherte Bewegung, die das Gerät im Zustand
des Werdens hervortrieb. Der Kreislauf des oberen

394
loading ...