Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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ist es ein Glück, daß eine jüngere und kleinere Galerie, das
von Günther Franke geleitete Graphische Kabinett an der
Briennerstraße, nach Kräften den Versuch macht, einen Aus-
gleich zu scharfen. Wir haben in dieser Galerie bisher meist
nur Graphik (moderne Graphik) gesehen. Die Ausstellungen
bezeugten einen wählerischen Instinkt und Begriff des jungen
Leiters. Wir sahen da z. B. die Graphik Redons, die Graphik
van Goghs, auch vieles andere sehr Gute. Neuerdings ist
Franke dazu übergegangen, Bilder zu zeigen. Er brachte eine
beträchtliche Gruppe von Bildern Noldes — und so proble-
matisch dieser Name sein mag, für das immer trägere Mün-
chen war er eine Probe des Anderen, das jenseits des Lokal-
Münchnerischen liegt. Nun hat Franke auch eine Ausstellung
von Werken Beckmanns versucht, und es scheint, der Erfolg
der Ausstellung ist immerhin so groß, daß er den Pessimis-
mus eines Thannhauser, auch unseren eigenen Pessimismus
Lügen strafen könnte. Warten wir ab. Stellen wir für dies-
mal fest, was diese Ausstellung über den Weg Beckmanns
selbst ausweist. Dies Material beginnt mit dem Jahre 1920
und endet mit dem Jahre 1928. Es beginnt mit den ge-
drängten, verschränkten und mehr illuminierten als eigent-
lich „gemalten" Dingen; es beginnt mit den Dingen, deren
geheimstes Wesen graphisch oder bilderbogenhaft ist und
aus dem Albtraum wächst, der selber aus dem Krieg hervor-
gegangen ist. Von der seltsam bedrängten und gedrängten,
seltsam verschränkten und enggefüllten Weise dieser frühen
Stücke (die indes weit herreichen bis an unsere letzten Jahre)
kommt Beckmann in einleuchtender Entwicklung zu einem

andern Typus des Bildes. In dem Verhältnis, wie der Alb sich
entfernt, wird das Bild offener, fast sagt man: vertrauender,
wenn auch gewiß nicht optimistischer (denn das Depressive
gehört wohl zu der chimärischen Natur dieses außerordent-
lichen Künstlers überhaupt, und auch seine Heiterkeit ist
nicht ohne Grimasse). Die Landschaften, die Stilleben lösen
einigermaßen die furchtbare, freilich nie unproduktive Be-
klommenheit. Im Figurenbild wird Beckmann sparsamer mit
den Gestalten und Motiven. Der Raum nimmt zu (in einem
gegenständlichen Sinne aufatmend sagt man: Gott sei Dank!)
Die Figur steht einzeln da; allerdings auch sie noch Chimäre
genug auch für den befangensten der Gotiker. Mit der Er-
weiterung des Raumes, der Verminderung des Gedränges ist
verbunden eine zunehmende Liberalität im Sinne des Male-
rischen. Die Erscheinungen sind nicht mehr so grausam fixiert,
weder in der Komposition noch in der Malerei und Zeich-
nung. Als Ergebnis der Entwicklung hängen zwei Bilder da:
die „Loge" und die „Zigeunerin". Die „Loge" ist schön, vor
allem die Frau; an dem Mann würde man gewisse Mittel eines
plakatierenden Impressionismus, der ein wenig posthum auf-
tritt, entbehren können. Die „Zigeunerin" scheint mir ein
vollkommenes Werk zu sein. Wenn der Begriff bei diesem
geborenen Gotiker einen Sinn hat, würde ich wagen zu sagen,
dies Bild leite seine klassische Phase ein. Es bedeutet sozu-
sagen die Art und Weise Beckmanns, Feuerbach aufzunehmen.
Man erschrecke nicht über die Unwahrscheinlichkeit dieser
These; man sehe das Bild; die These ist nicht ohne Sinn,
weil sie sich aufdrängt. W. H.

DÄCHERKRIEG UND UNIVERSUM

"V "Tiemals war das allgemeine Interesse für Architektur stär-
-L ^ ker als heute. Es ist erklärlich, weil die Architektur
unmittelbar mit der allgemeinen Not des Wohnens und im
weiteren Sinne eng mit allem Wirtschaftlichen und Sozialen
zusammenhängt. Es ist erfreulich, weil es immer gut ist,
wenn sich mit dem Künstlerischen lebendige Bedürfnisse
begegnen.

Nicht so gut ist es, daß das Interesse zuweilen in Politik
ausartet. Wie jetzt in Zehlendorf. Dort hat die Gagfah (Ge-
meinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten)
in langer Zeile am Fischtalgrund Heimstätten für Ange-
stellte gebaut, das Gelände dann umzäunt und eine Bau-
ausstellung daraus gemacht. Gegenüber, an der andern
Straßenseite beginnend, befindet sich eine andere Siedlung,

DREI TISCHCHEN

AUSGESTELLT BEI HERRMANN GERSON, BERLIN

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