Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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MAX SLEVOGT, WANDBILD IM BERLINER KINDLBRÄU. SGRAFFITO. LINKER TEIL DER HINTEREN QUERWAND

CHRONIK

ARCHÄOLOGENTAG, AUSGRABUNGEN
UND ALLERLEI SONST

Die Hundertjahrfeier des deutschen archäologischen Instituts
hat den glänzenden Verlauf genommen, den man nach
den außerordentlichen Vorbereitungen erwarten konnte. In-
und ausländische Gelehrte waren in großer Zahl erschienen,
prominente Vertreter der Behörden hielten festliche An-
sprachen, und die allgemeine Bewunderung, die dem Perga-
monmuseum zuteil wurde, das während der Tagung den
Gästen offen stand, wurde nur durch einige wenige mehr
oder minder heftig ablehnende Pressestimmen getrübt. Grund-
sätzliches über die Art der Aufstellung des Altars und der
Architekturreste in den beiden seitlichen Sälen ist hier
schon vor längerer Zeit geäußert worden. Es genügt uns
heute, festzustellen, daß unsere Warnung überhört wurde.
Wir werden über die Neubauten im Zusammenhang berichten,
wenn sie im kommenden Jahr der Öffentlichkeit übergeben
werden.

Für die wissenschaftliche Tagung der Altertumsforscher
war das Thema „Ausgrabungen" gewählt worden, das in vier
Sektionen für die verschiedenen Kulturkreise abgehandelt
wurde. Am interessantesten waren die Mitteilungen des Herrn
Hall aus London über die Funde in Ur, die eine ganz neue
Vorstellung altchaldäischer Kunst ergeben. Die Zeit dieser
Kultur ist das Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends.
Hier hat es gelohnt zu graben, und man empfand als Hörer
angesichts der Lichtbilder etwas von der eigentümlichen
Erregung, die den glücklichen Schatzgräber selbst mit ganz
anderer Stärke packen muß. Das Geheimnis tief im Boden

verborgener Schätze hat immer die Phantasie der Menschen
beschäftigt, und wenn man bedenkt, welch merkwürdige Funde
allein im letzten Jahrzehnt dem Boden Ägyptens, Mesopo-
tamiens, Südrußlands, der Mongolei, Chinas entstiegen sind,
so wird man das Verdienst der modernen Bodenforschung um
unsere Kenntnis alter Kulturen nicht hoch genug einschätzen
können.

Was werden nach abermals fünftausend Jahren unsere
Nachfahren finden, wenn sie die Reste unserer Kultur unter
der Erde suchen? Wir sorgen in dieser Hinsicht schlecht für
die Zukunft. Der Totenkult ist ebenso prosaisch wie sparsam
geworden, wenn man daran denkt, wieviel Kostbarkeiten
einem Tutanchamon oder irgendeinem Skythenfürsten oder
Mongolenhäuptling mit ins Grab gegeben wurden. Man sollte
daran denken, auch etwas einzugraben, nachdem durch so
viele Ausgrabungen der unterirdische Reichtum der Erde
ständig verringert wird. Vielleicht macht man den Anfang
mit der Berolina, die vom Alexanderplatz glücklich ver-
schwunden ist und hoffentlich nicht auf einem anderen Ber-
liner Platze ihre Wiederauferstehung feiern wird.

In der Presse haben sich fast mehr Stimmen für die ver-
schwundene Berolina als für die bedrohten Gontardschen
Kolonnaden in der Leipziger Straße erhoben, obwohl es sich
in diesem Falle um ein architektonisches Kunstwerk, in jenem
um ein bronzenes Machwerk handelt. Ursprünglich als
Dekoration bei Gelegenheit eines fürstlichen Einzuges ent-
standen, wurde die Berolina zum Denkmal aere perennius
erhoben. Auch Denkmäler in dauerhaftem Material sollten
aber nicht ohne weiteres Anspruch auf ewigen Bestand
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