Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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EDOUARD MANET, DER BÄRENFÜHRER. ZEICHNUNG ZU DER RADIERUNG

EDOUARD MANET

VORWORT ZUM KATALOG DER MAN ET-AU S STE LLU N G IM JAHRE 1884

VON

EMILE ZOLA
DEUTSCH VON MARGARETE MAUTHNER

"T\er Tod Edouard Manets war das Signal zu einer spon-
tanen Apotheose; die ganze Presse beugte sich ehr-
fürchtig vor dem Toten und erklärte, ein großer Maler sei
dahingegangen. Die ihn noch eben bekrittelt und bespöttelt
hatten, entblößten ihr Haupt und huldigten öffentlich dem
Meister, der sterben mußte, um zu triumphieren. Für uns,
die Getreuen seiner ersten Kämpfe, war das ein schmerz-
licher Sieg. — Kaum glaublich — die alte Geschichte fing
hier wieder an! — Die allgemeine Dummheit hat stets die
Menschen getötet und ihnen dann Statuen errichtet! Was
wir vor fünfzehn Jahren gesagt hatten, wurde jetzt von allen
wiederholt. Hinter dem Leichenwagen, der unsern Freund
zum Kirchhof brachte, wurden unsere Herzen weich und
weinten bei diesem späten Lob, das er nicht mehr hören
konnte.

Heute aber erst wird die Genugtuung vollständig. Eine
Ausstellung der Hauptwerke des Künstlers ist mit ehrfürch-
tiger Sorgfalt zusammengestellt worden, die Verwaltung hat
die Säle der Kunstakademie bereitwilligst zur Verfügung ge-
stellt, eine Tat klugen Freisinns, die dankbar anzuerkennen
ist, denn noch immer mögen sich Starrköpfe finden, die

sich durch den Eintritt Manets in das Heiligtum der Tra-
dition verletzt fühlen. Hier habt ihr nun sein Werk, kommt
und urteilt selber. Wir zweifeln nicht an dem endgültigen
Sieg, der ihm ein für allemal einen der ersten Plätze unter
den Meistern der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an-
weisen wird.

Ich lernte Manet im Jahre 1866 kennen. Er stand da-
mals im Alter von dreiunddreißig Jahren und bewohnte ein
großes, verwahrlostes Atelier in der Gegend des heutigen
Park Monceau. Er stand bereits in vollem Kampf; nach
einer von ihm veranstalteten Sonderausstellung bei Martinet
und hauptsächlich nach den Bildern, die er im Salon des
Refuses von 1863 gezeigt hatte, war die gesamte Kritik wie
eine Meute über ihn hergefallen. Man lachte verständnislos.
Dies ist ganz sicher die Epoche, in der der Künstler mit
größter Überzeugung und Kraft produzierte und eine Fülle
von Bildern aufstapelte. Ich sehe ihn noch, strahlend von
Selbstvertrauen, der Spötter spottend, immer an der Arbeit,
fest entschlossen, Paris zu erobern. Er hatte keine leichte
Jugend hinter sich, Zerwürfnisse mit seinem Vater, einem
Magistratsbeamten, der Mißtrauen gegen die Malerei hatte,

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