Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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HENRI MATISSE, BILDNIS

AUSGESTELLT IN DRR VALENTIN GALLERY, NEW YORK
MIT ERLAUBNIS DER D. t>. A.

Über die neue deutsche Kunst urteilt Homer Saint - Gau-
dens, der Arrangeur der Carnegie International Exhibitions
in „The New York Times" folgendermaßen: „Mit der deut-
schen Kunst verhält es sich ungefähr so wie mit dem Kur-
fürstendamm, Berlins neuem Broadway. Die Deutschen lassen
sich jetzt die Haare anders schneiden und die deutsche Kunst
hat einen mehr aggressiven und lebhaften Charakter ange-
nommen, gleich unserer eigenen. Damit soll nicht gesagt
sein, daß vieles daran gerade große Kunst ist. Es gibt über-
haupt nirgends allzuviel große Kunst. Aber die Neurasthenie,
die vor fünf Jahren noch herrschte, weicht mit dem Eintritt
stabilerer Verhältnisse."

Der Broadway, womit hier der Kurfürstendamm verglichen
wird, ist übrigens zwanzig Kilometer lang und eine üble
Zusammenstellung von Schieber - und Nepplokalen, wo es
verbotenen Schnaps und Champagner gibt. Von den Theatern
und wenigen guten Restaurants abgesehen, ist er der Treff-
punkt üblen Gesindels und nicht einmal durch eine Boheme
vergeistigt. Ästhetisch betrachtet, ist der „Große weiße Weg"
eine Ansammlung kitschiger Monstrereklame, das Auge be-
leidigend — aber riesengroß. Bessere Amerikaner lassen sich
dort nicht gerne sehen. Es ist übrigens charakteristisch, daß
in einem Aufsatz der „New York Times" von allen Berliner
Herrlichkeiten die „Neue Welt" am höchsten gepriesen wird.

H. P.

CHRONIK

Die Spittelkolonnaden werden abgebrochen. Wer das in
solchen Fällen übliche Verfahren kennt, hat trotz aller
schönen Reden nie daran gezweifelt, daß es so kommen
würde. Man läßt die Presse ihr Sprüchlein sagen, läßt die
Akademie und andere Körperschaften protestieren, verspricht,
tunlichst in Erwägung zu ziehen, und nachdem ein paar
Wochen verstrichen sind, geht man über besagte Proteste
zur Tagesordnung über. In dem Vertrage der Stadt Berlin
mit dem preußischen Staate gibt es einen hübschen Passus,
nach dem die Stadt im Fall des Verzichtes auf den Wieder-
aufbau dem Staat den mit 150000 Mark angenommenen
Wert der Bauwerke zu erstatten hat. Das ist kein Witz.
150000 Mark sind Gontards Kolonnaden wert. Wer sie ab-
reißen will, hat diesen Betrag dem Staatssäckel zu erstatten.
Frage: Was kostet das Brandenburger Tor? Die Verkehrs-
polizei, der es längst ein Dorn im Auge ist, wird es näch-
stens dem preußischen Staate abkaufen. Die Stadt Berlin
aber wird es sich vermutlich reiflich überlegen, ob sie die
Kolonnaden für teures Geld wieder aufbauen oder sich um
so billigen Preis von der Verpflichtung loskaufen soll. Ge-
schäftlich liegt der Fall klar. Die Reithalle von Schinkel
sollte auch wieder aufgebaut werden. Mit solchem Ver-
sprechen beruhigt man die Öffentlichkeit, wenn abgebrochen
wird. Nachher hört man nichts mehr davon. Die Reithalle
ist längst verfault. Nächstes Opfer städtischer Denkmal-
pflege soll das Palais Prinz Albrecht sein. Der Plan, es
durch vollkommen entstellende Anbauten in ein Hotel um-

zuwandeln, wird noch geprüft. Wer wagt, zu hoffen, daß
bessere Einsicht diesmal siegen und daß eines der wenigen
noch erhaltenen kostbaren Baudenkmäler des alten Berlin
vor der Zerstörung bewahrt bleiben wird?

Im Südosten Berlins, am Hermannplatz, hat die Firma
Rudolf Karstadt ein großes, neues Warenhaus errichtet, einen
Riesenbau von amerikanischen Dimensionen, den sieben-
stöckigen Sockel eines Wolkenkratzers, auf dessen Dach-
plattform zwei stufenförmige Türme noch ein paar Stock-
werke höher streben. Der auffällige Bau ist alles andere
als eine glückliche Bereicherung der großstädtischen Archi-
tektur. Städtebaulich ist er ohne Bedeutung, weil seine
Hauptfront sich an einem verhältnismäßig viel zu engen
Platze, der ihm mit seiner anderen Wand ein greuliches
Gegenüber bietet, einfach totläuft. Architektonisch ist er
ein eklektisches Produkt aus allen Warenhausbauten der
letzten Jahrzehnte. Messels Vertikalgliederung bis zur Er-
müdung wiederholt, in allen Details von einer bemerkens-
werten Gefühllosigkeit. Im Innern die unvermeidlichen
Lichthöfe, die ihrem Namen keine Ehre machen. In sämt-
lichen Stockwerken sind die Galerien durch hohe Schränke zu-
gestellt, die j eden Lichteinfall verhindern. Lucus a non lucendo.
Wozu baut man Lichthöfe, wenn man doch am hellen Tage elek-
trische Beleuchtung benötigt? Planung und Ausführung des Rie-
sengebäudes lagen in denlländen des Baubureaus derFirmaRu-
dolf Karstadt. Einen Architekten von Ruf hat man nicht bemüht.

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