Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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MAX SLEVOGT, WANDBILD IM BERLINER KINDLBRÄU
SGRAFFITO. RECHTER TEIL DER TREPPENWAND

DIE MEISTER DES H O LL AN DI S CH E N INTERIEURS

T"\er flämischen Landschaft, die im vorigen Jahr in einer
schönen Ausstellung gezeigt wurde, läßt die Galerie
Dr. Schäffer jetzt das „Holländische Genrebild" folgen. Denn
darum handelt es sich eigentlich, da nicht das Interieur an
sich, sondern die Menschen im Innenraum den Bildern die
Motive geben — Menschen in alltäglicher Beschäftigung, nicht
historische Persönlichkeiten und Ereignisse, sondern der
„Genus" Mensch- Nicht zufällig erblühte diese neue Kunst-
art in den protestantischen Niederlanden, im Zeitalter bürger-
licher Kultur.

Diese Ausstellung, die in der Hauptsache auf Beteiligung
privater Sammler angewiesen war, konnte aus ergiebigen
Quellen schöpfen, weil das Genrebild immer viel und gern
gesammelt worden ist. Hauptmeister zu zeigen, war freilich
nicht leicht. Bilder von Vermeer, zum Beispiel, gibt es in
Europa kaum noch außerhalb der Museen. Braunschweig
stellte sein köstliches Bild zur Verfügung. Reich und viel-
seitig konnte Pieter de Hooch vorgeführt werden. Zahlreich
sind die Nachfolger und Nachahmer Pieters. Terborch war
gut vertreten; die Kasseler Lautenspielerin ist ein kostbares
Stück intimer Feinmalerei. Ein anderes Temperament hat
die Lautenspielerin des Metsu, die ebenfalls aus Kassel

stammt. Ochtervelt setzt die Linie von Terborch fort; seine
„Musikgesellschaft" ist ein vorzügliches Beispiel. In Mieris
und Netscher erreicht diese Kunstgattung ihr Ende, um in Cor-
nelis Troost noch einmal einen späten Nachläufer zu finden.

Diesen Malern stiller Vornehmheit stehen die Schilderer
lauter Lustigkeit gegenüber: Buytewech, der Maler der Stu-
denten und Soldaten mit ihrem weiblichen Anhang, Pieter
Codde, Dirck Hals, Palamedesz haben ähnliche Motive be-
handelt. Jan Steen hat das Treiben deftiger Volksvergnügun-
gen zu einem Sondergebiet gemacht. Von einer noch anderen
Seite näherten sich Schüler und Nachfolger Rembrandts —
Maes, Fabritius und Aert de Gelder — dem Thema: sie
gaben dem Genrebild eine ernste Note stiller seelischer Ver-
haltenheit.

Vergleicht man diese glückliche Zeit der Malerei mit der
Gegenwart, so scheint es, als habe sich die Kunst dem Leben
verfeindet. Es gibt keine Genremalerei in diesem Sinne mehr.
Das Genre stand am Eingang der bürgerlichen Malerei im
Holland des siebzehnten Jahrhunderts. Vielleicht bezeichnet
sein Ende den Beschluß einer der großen Phasen im Ablauf
der Weltgeschichte der Kunst.

G.

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