Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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AUGUSTE RENOIR, DER FISCH

MIT ERLAUBNIS DER D. D. A. AUSGESTELLT IN DER GALERIE FLECHTHEIM, BERLIN

ZUR AUSSTELLUNG BEI FLECHTIIEIM

F^lechtheim hat während der Berliner Season eine Ausstellung
gemacht, die zu den gelungensten gehört, die jetzt in Ber-
lin zu sehen sind. Einerseits Münch und Ensor (die Väter
des deutschen Expressionismus), Georges Minne, dessen Ju-
gendstil ein wenig verstaubt ist, dann Matisse mit einer süd-
lichen Landschaft (1914) und einer neuen Odaliske, seinen
deutschen Nachfolgern Levy, Nauen, Moll und Purrmann, und
anderseits Beckmann, Hofer und dazu die Kubisten. — Picasso
ist da mit einigen kubistischen Bildern (darunter eines seiner
letzten Werke „Die Frau im roten Sessel", das Klee sofort
als solche erkannte), mit der „Maternite" von 1921 und mit
einem Harlekin von 1923. Dann Braque mit Stilleben und
einer seiner wenigen Landschaften, dem Strand von Dieppe
(ein ähnliches Bild erwarb das Städelsche Institut in Frank-
furt); ferner Juan Gris, Leger und Paul Klee, der Flecht-
heims besonderer Favorit und durch ihn international ge-
worden ist wie Eau de Gologne und Münchener Bier. End-
lich Skulpturen (vor der Galerie aufgestellt): Renee Sintenis'
goldenes Fohlen und Rudolf Bellings neuestes Werk „ Schme-
ling" naturalistisch im Gegensatz zu seinen anderen Bild-
werken, von ihm selbst als Bewegungsstudie bezeichnet.

Ich greife Picasso und Klee heraus, die mich besonders
interessieren. Picasso, der Wandelbare, ist, wie gesagt, be-
sonders gut vertreten. Seine Bilder — auch die von Braque
— sind mehr als nur anistisch dekorativ, wie man sie bei
uns gewöhnlich bezeichnet. Man muß Flechtheim dankbar
sein, daß er uns die geschlossene und konsequente Ent-
wicklung dieser Künstler immer wieder vor Augen hält;
sie versuchen vor allem den Raum in neuer Weise auszu-
bauen, zu gliedern und ihn in seiner Tiefenwirkung, die

aber der früheren impressionistischen Raumtiefe gerade ent-
gegengesetzt ist, wenn auch subjektiv doch überzeugend zu
deuten. Bei den Deutschen, die ähnliches versuchen, wie etwa
bei Beckmann, ist die Aufteilung oft nicht so konsequent durch-
gefühlt und bei Kokoschka, der auch versucht, den Gegenstand
durch schiefe Bildebenen zu brechen und Formelemente in-
einander zu schieben, aber mit realistisch impressionistischen
Mitteln, fallen die Häuser einfach wie bei einem Erdbeben
durcheinander. Siehe seine Kuppelbilder in der Akademie.

Eine dämonische Laune, eine Übersättigung an seiner
eigenen Form bringt Picasso immer wieder die Wandlung.
Er will immer wieder von neuem in Spannung halten. Aber
je mehr Zeitdistanz man gewinnt, um so mehr wachsen die
scheinbar gegensätzlichen Stile zusammen.

Klee versucht faszinierend bis zum Hellseherischen äußer-
lich und innerlich Geschautes, Erinnertes magisch im Bilde
zu beschwören. Er tut dies darüber stehend mit leiser Ironie.

Er zeichnet auf merkwürdige Malgründe, die er sich selbst
braut, wie ein Alchimist, zeichnet raffiniert und primitiv zu-
gleich. Oft mutet es an wie Zeichnungen von Kindern, in
deren subjektive Sphäre es für Erwachsene schwer ist sich
zurückzudenken. Neben der Zeichnung führt die Farbe ihr
leuchtendes Eigenleben. Vielleicht dämmert, wenn er schafft,
sein Bewußtsein ähnlich traumhaft dahin wie bei Kubin, aber
seine Form ist nicht beschreibend, sie ist auf eine andere
Ebene geschoben, und fast ganz aus dem Gegenständlichen
herausgehoben. Reales wird wie beim kubistischen Picasso
ganz durch Subjektives verdrängt.

Wunderlicher Koboldspuk entsteht in eigentümlichen
Formgebilden und behauptet sich leuchtend satt.

Rud. Großmann.

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