Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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UNSTAUSSTELLUNGEN

LEIPZIG
Der Kunstverein zeigte im Dezem-
ber eine sehr eindrucksvolle Gedächt-
nisausstellung des im Kriege gestorbe-
nen Waldemar Rösler und eine große
Kollektion von Arbeiten Thomas Theo-
dor Heines.

Angesichts der schönen und leuchtenden Malereien Walde-
mar Röslers, die die deutsche impressionistische Landschafts-
darstellung durch ihr starkes Betonen des Räumlichen, durch
ihre energische Lichtführung und durch ihr inbrünstiges
Bemühen, die Töne in Farbe zu verwandeln, in einer durch-
aus überzeugenden Weise bereichert haben, betrauert man
den frühen Tod eines so bedeutenden Talentes. In allen
Bildern Röslers, seien es Landschaften aus der Umgebung
Berlins, aus Ostpreußen oder von der Ostseeküste, ist ein
starkes und leidenschaftliches Naturgefühl. Alltägliche und
nichtssagende Motive, dürftiges Vorstadtland von ein paar
Bäumen bestanden, Bahndämme, Telegraphenstangen und
Fabrikschuppen, weiß er mit seiner malerischen Phantasie
bezaubernd zu gestalten. Oft buckelt sich seine Farbe zu
kleinen Farbgebirgen auf seinen Leinwänden, die pastosen
Farbsträhnen verfilzen sich zu irisierenden Farbgeheimnissen
Angreiferisch und kühn hat er mit breitem Pinsel seine
Impressionen gestaltet, nie ist seine Malerei nur oberflächliches
Kraftmeiertum, vielmehr ist in seiner vehementen Malerei
eine liebenswürdige und beinahe zärtliche Nuance. Die
Farbklänge seiner Bilder haben das Urmotiv in einem Blau-
Grün-Gelb-Akkord, der in allen möglichen Abwandlungen
immer wiederkehrt.

Von Thomas Theodor Heine, der ja gebürtiger Leipziger
ist, sind neben einer großen Reihe herrlicher Simplizissimus-
zeichnungen ganz frühe Malereien und Aquarelle ausgestellt.
In seinen Jugendarbeiten ist noch nichts von dem Satiriker
Heine zu spüren. Diese naiven Naturstudien, in denen sich
der Maler mit impressionistischen und koloristischen Pro-
blemen auseinandersetzt, weisen im Grunde doch mehr
zeichnerische als malerische Gestaltungsmomente auf. Die
große Zahl der Zeichnungen, die wir zum großen Teil aus
dem Simplizissimus kennen, gibt einen guten'Einblick in die
Vielfältigkeit und schier unerschöpfliche Fülle der Aus-
drucksmöglichkeiten des Zeichners Heine, der wie kein anderer
seiner Mitarbeiter dem Simplizissimus Geltung und Wirkung
bis heute erhalten hat. Heine ist ein ganz außerordentliches
Formtalent, das seine Ausdrucksmittel in allen möglichen
Variationen spielen lassen kann, ohne sich zu verspielen oder
undiszipliniert zu erscheinen. Die kuriosen Plastiken eines
Teufels und eines Engels erinnern daran, daß Heine auch
auf diesem Gebiete Beachtliches geschaffen hat.

Max Schwimmer.

BERLIN

Von den Zeichnungen, die Ludwig von Hofmann in der
Galerie Casper ausstellte, interessierten vor allem die weniger
bekannten frühen Arbeiten, von denen wir zwei Beispiele ab-

bilden. Wir erinnerten uns vor diesen Blättern mit Vergnügen
der neunziger Jahre, als von Hofmann hervortrat und in man-
cher Weise wie ein Revolutionär wirkte. Sein Name war da-
mals im Munde der Jugend. Die frühen Zeichnungen er-
klären noch heute, warum es so war. Sie stehen der Natur
näher als die späteren, mehr akademisch systematischen Akt-
zeichnungen, sie haben mehr Substanz und verraten ein
gutes Auge für Formen und Formzusammenhänge. Die
späteren Zeichnungen betonen mehr den Linienfluß und das
Bildornament. Es ist lehrreich und entbehrt nicht der
Romatik, nach dreißig Jahren mit Vergnügen wiederzusehen,
was in der Jugend Herz und Verstand bewegt hat.

Die Zeichnungen waren gut gewählt und vortrefflich
aufgestellt. K. Sch.

In den Ausstellungsräumen des Verlages Bruno Cassirer
sind Bilder und Zeichnungen Max Liebermanns aus den
letzten Jahren ausgestellt. Auch hier wieder überrascht die
malerische Kraft des mehr als Achtzigjährigen. Den Selbst-
bildnissen, auch der großen Aufzeichnung, die nicht weiter-
geführt worden ist, weil sie in der Folge nur hätte aus-
drucksloser werden können, ist noch nicht das geringste Nach-
lassen anzumerken, das Bildnis einer jungen Frau und eines
alten Herrn (Rießer) gehört zum Frischesten, Besten und
Ausdrucksvollsten, was Liebermann im letzten Jahrzehnt über-
haupt geschaffen hat, und unter den Gartenlandschaften aus
Wannsee sind Meisterwerke einer lebendigen, weisheitsver-
klärten Alterskunst. Keine Ausstellung deutscher Kunst in
Berlin könnte sich mit dieser auch nur entfernt messen;
es gibt keinen deutschen Maler, der einen Kopf wie den
Rießers, der Hände wie die dieses alten Herrn malen könnte.
Talent bleibt Talent. Es kann einmal nachlassen, aber es
wird immer wieder als Wunder der Natur sich neu und
frisch offenbaren. Es hat eigentlich kein Alter, es zwingt
das physische Alter, sich ihm anzupassen. Vor den Land-
schaften fällt es auf, wie Liebermann immer lieber das
Blühen, die Fülle des Sommers und der Blumen malt. Und
immer wieder findet er auch in seinen doch gar nicht großen
Gärten neue Ansichten und Stellen, findet et eine neue Welt
der Farben und Formen. Er selbst hat für die Ausstellung
seiner Bilder nicht mehr viel übrig. „Immer wieder Lieber-
manns," sagt er, „das muß die Leute ja langweilen." Es
wäre schlimm, wenn gute Kunst dieser Art langweilte. Im
Gegenteil, je besser ein Maler ist, je fester sein Ruhm
steht, um so mehr interessiert jede Äußerung von ihm. Neue
Menschen interessieren den Kunstfreund nicht, wenn sie
nichts als neu sind; wesentliche Menschen interessieren
immer.

Für diesmal mag es mit diesen Bemerkungen genug
sein. Im nächsten Heft wird ein Mitarbeiter, der als Künst-
ler spricht, mehr und besseres über die neuen Bilder Lieber-
manns, über den Künstler selbst und über das Verhältnis
der Lebenden zu dieser Kunst sagen.

K. Sch.

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