Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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ZENORIO DI MACHIAVELLI, MADONNA PINTORICCHIO, BILDNIS

SAMMLUNG MAITLAND FÜLLER GRIGfiS SAMMLUNG ERNST ROSENFELD

AUSGESTELLT IN DER LEIHAUSSTELLUNG PRIMITIVER ITALIENER BEI M, KNOEDLER & CO., NEW YORK

CHRONIK

ECHT UND FALSCH
Tn einer Reihe von Aufsätzen, die er in der „B. Z. am Mittag"
erscheinen läßt, setzt sich Max Deri energisch für die
Abschaffung der Kunst ein. Er argumentiert folgendermaßen:
Wenn die Reproduktionstechnik und die Fälscherkunst ihre
Methoden so vervollkommnet haben, daß ihre Erzeugnisse
von echten Werken nur noch sehr schwer unterschieden werden
können, wozu dann der Streit? Dann sind sie für den Durch-
schnittsbetrachter und in manchen Fällen sogar für den
Kenner ein vollwertiger Ersatz der Originale, und man soll
zufrieden sein, daß ihre Zahl vermehrt wird.

Dieser eigenartige Erzieher zur Kunst wünscht sich nichts
besseres, als daß die Fälscherindustrie sich als ein ehrliches
Handwerk etablieren möge, um so viele Memlings und
Corots und Van Goghs zu fabrizieren, wie die Menschen
nur haben mögen. Den Wert des Originals schätzt er nicht
höher ein als den Seltenheitswert einer Briefmarke oder
den Autogrammwert eines berühmten Gedichtes.

Braucht man solchen hahnebüchen kunstfeindlichen Unsinn
zu widerlegen? Man braucht es nicht, — und man kann
es nicht. Einem unmusikalischen Menschen wird man so
wenig den Unterschied der Klangfarben erklären können
wie einem unvisuellen Menschen den Unterschied zwischen
einem Original und einer Kopie oder Fälschung. Denn das,
wofür Deri sich einsetzt, ist längst verwirklicht. In allen

großen Galerien der Welt stehen tagaus tagein die Kopisten
und fabrizieren so viele falsche Botticellis und Rembrandts
zu billigen Preisen, wie nur gewünscht werden. Je treuer
die Kopien sind, um so grausamer wirken sie in ihrer
schattenhaft unlebendigen Existenz neben dem Original,
das sie dem stumpfen Auge zu ersetzen scheinen.

Wer die Kunst liebt, der sollte dahin wirken, daß den
Kopisten das Handwerk gelegt wird. Sie stören mit ihren
Staffeleien den Kunstgenuß in den Museen, und ihre Arbeit
wirkt kunstfeindlich, indem sie den schaffenden Künstlern
die ohnedies schon geringe Absatzmöglichkeit beschränkt.
Ebenso kunstfeindlich wirken die angeblich originalgetreuen
Reproduktionen nach modernen Gemälden, die heute zahl-
reich angefertigt werden. Sie sind fatal, weil sie etwas vor-
täuschen wollen, was sie nicht sind, indem sie mit bedruck-
tem Papier Leinwand und Ölfarbe nachahmen.

Die Einmaligkeit des Kunstwerks widerspricht der kommu-
nistischen Idee von dem Gemeinschaftsbesitz an den Werken
bildender Kunst, die das eigentliche Leitmotiv Deris ist.
Aber er geht sogar so weit, das Kunstwerk im öffentlichen
Besitz für einen Überrest kapitalistisch denkender Epochen
zu erklären. Auch die Museen sollten nach seiner Meinung
nicht mehr teuren Originalen nachjagen, sondern sich mit
billigen Kopien begnügen. Er nennt als Pionier künftiger
Museumsform die Aufstellung einer Nachbildung der Stock-

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