Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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PARISER KUNSTMARKT

T n Paris gibt es rund 240 Kunstsalons. Das heißt außer ein paar
großen Häusern wie Paul Rosenberg und Bernheim Jeune eine
Unmenge kleiner Läden mit irgendeinem Anhang nach hinten,
unten oder oben, einen Raum nach dem Hof, im Keller oder
im Zwischengeschoß, in dem Ausstellungen veranstaltet
werden. Diese Ausstellungen haben selten größere Bedeu-
tung. Eine neue Kunsthandlung zeigte kürzlich zur Eröff-
nung „kleine Bilder großer Meister", bei Bernier sah man
„Meer und Strand von Delacroix bis heute". Ein berühmter
Manet der Sammlung Doucet war der Glanzpunkt. Bei
Georges Bernheim gab es „fünfzig Jahre Malerei von Maxi-
milian Luce", ein trauriger Abstieg, danach eine große Aus-
stellung Othon Friesz. Aber das sind die Ausnahmen. Im
allgemeinen sind die Ausstellungen der minder interessante
Teil des Pariser Kunstbetriebes. Es ist kein Geheimnis,
daß ein Künstler, der es sich leisten kann, für mehr oder
weniger Geld einen Ausstellungssaal zur Miete bekommt,
ähnlich wie angehende Musiker bei uns den Konzertsaal
bezahlen müssen. Das mag sich geschäftlich rentieren, zu-
mal wenn Ausländer hier den Stempel ihrer Pariser Aus-
stellung empfangen, der in der Heimat sichere Zinsen trägt.

Das eigentliche Kunstgeschäft aber spielt sich nicht im
Ausstellungssaale, sondern im Laden ab. Man kann in
Paris Bilder und Zeichnungen und Graphik jüngerer Künstler
kaufen, was man bekanntlich in Berlin nicht leicht kann.
Man kann von einem Laden in den anderen gehen und
nach Utrillo oder Dufy oder sonst einem der bekannten
Namen fragen. Man bekommt Bilder zu sehen, hört Preise,
kurz, es gibt einen regulären Handel mit Kunstwerken, der
allen Parteien zugute kommt, den Künstlern, den Händlern
und nicht zuletzt den Käufern.

In diesen Handel aufgenommen zu werden, ist das Ziel
jedes jungen Künstlers, ihm zu entwachsen der höchste
Ehrgeiz der Erfolgreichsten. Die Aufnahme fordert Opfer.
Die ersten Verträge, die junge Künstler zu unterschreiben
haben, schmecken oft nach Sklaverei. Aber für den Händler
ist das Geschäft reine Spekulation, und die Verlustchance
muß mit einer großen Gewinnspanne ausgeglichen werden.
Am linken Ufer und auf der untersten Stufe beginnt der
Weg. Der Vertrag sichert dem Händler die Produktion sei-
nes Schützlings, für die es zunächst keinen Absatz gibt. Er
hängt die Bilder, für die der Laden zu eng ist, in seine
Wohnung. So entstehen die Sammlungen, ohne die ein
Pariser Kunsthändler nicht denkbar ist, von den alten, den
Durand-Ruel, Bernheim, Vollard bis zu Paul Guillaume, zu
Wilhelm Uhde. Verkauft wird zuerst mit kleinem Gewinn.
Das gibt dem Markt die Anregung, lockt die Käufer, auch min-
derbemittelte, die bei uns meist durch übertriebene Forde-
rungen verscheucht werden. Wichtig ist es, daß nicht nur
private Liebhaber, sondern vor allem auch andere Kunst-
händler für den neuen Mann interessiert werden. Über-
siedeln ein paar Bilder aus einem kleineren in einen grö-
ßeren Laden, der teurer verkaufen kann und höhere Preise
verlangen muß, weil er aus zweiter Hand gekauft hat, so
ist der zweite wichtige Schritt getan. Es kommt die Zeit,
wo der Neue seinem ersten Frohnherrn entwächst, weil ihm
seine Preise zu hoch werden. Ein kapitalkräftigerer Händler

tritt in das Geschäft ein. Sein Vorgänger behält als Profit
den Stock von Bildern, der sich bei ihm angesammelt hat.
Nun wird geflüstert, der oder jene berühmte Sammler habe
Bilder gekauft, Vollard habe sich interessiert, es erscheinen
Aufsätze in Zeitschriften, es wird ein Buch gedruckt, end-
lich ist der Künstler gemacht, sein Name ist in aller Munde,
seine Bilder sind in allen Läden — oder sie sind es nicht
mehr, wenn der höchste Punkt der Leiter erreicht ist, wenn
die Bilder noch naß von der Staffelei an Sammler und
Museen Amerikas verkauft werden.

Natürlich braucht diese Art des Geschäftes allerlei Re-
klame, braucht Mittel, die nicht immer die saubersten sein
können. Man spricht davon, daß zuweilen die Kritik auf
nicht ganz einwandfreie Art in dieses Geschäft verflochten
ist. Das wenigste, womit man rechnen muß, ist die Sug-
gestion eines Namens, der durch den Betrieb des Kunst-
handels emporgetragen wird. Es ist nicht ganz leicht, sich
dieser Suggestion zu widersetzen, zumal man oft weniger
Grund hat, die Ehrlichkeit des Händlers als die Sicherheit
seines Kunsturteils anzuzweifeln. Der einzige Trost ist, daß
der Trick auf die Dauer doch nur gelingt, wenn es sich um
wertvolle Kunstwerke handelt. Sind Künstler wie Renoir
und Cezanne auf solche Weise „gemacht" worden, steigen
die Preise für ihre Werke von Jahr zu Jahr in immer un-
erreichbarere Höhen, so mag jeder Soldat der Kunsthändler-
armee hoffen, auch er trage den Marschallstab im Tornister
und werde eines Tages den Keller voll millionenschwerer
Bilder haben wie der alte Vollard. Aber die Genies wachsen
auch auf der fruchtbaren Weide des Pariser Bodens nicht
täglich dicht beieinander. Und die Preise, die der große
Kunsthandel für die Bilder problematischer Koryphäen heu-
tiger Malerei verlangt, erregen eiu Gefühl des Schwindels
und der Beängstigung. Es war nur selten das Beste in der
Kunst, das zu seiner Zeit am höchsten bewertet wurde.
Diese andere Überlegung muß man denen entgegenhalten,
die das umgekehrte Argument für sich in Anspruch nehmen,
die darauf hinweisen, wie die Meister zu ihrer Zeit ver-
kannt und von der Nachwelt geschätzt wurden. Es gibt
heute zu wenig Verkannte. Das Netz, das der Pariser Kunst-
handel ausgelegt hat, ist so engmaschig, daß ihm schwerlich
ein echter Goldfisch entgehen kann.

In dieses System der Kunstfischerei, das in den Nach-
kriegsjahren so erstaunlich ausgebildet wurde, ist in zu-
nehmendem Maße auch das Auktionswesen eingeschaltet
worden. Versteigerungen von Sammlungen moderner Malerei
sind im Hotel Drouot an der Tagesordnung. Waren sie
früher die Ausnahme, so sind sie heute die Regel. Daß
solche Sammlungen nicht alt sein können, liegt auf der Hand.
Daß sie von vornherein zum Zweck der Vente angelegt
sind, ist in manchen Fällen nicht unwahrscheinlich. Das
Geschäft hat sich bisher noch immer als vorteilhaft er-
wiesen. Die Preise für gute Namen sind im Laufe weniger
Jahre stetig gestiegen, so daß sich das Anlagekapital wohl
leicht verdoppelte, wenn nicht vervielfachte. Daß die Bäume
nicht in den Himmel wachsen können, gilt an der Kunst-
wie an der Effektenbörse. Einmal muß die Aufwärtsbewe-
gung ein Ende nehmen, und es scheint fast, als sei dieser

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