Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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PLANWIRTSCHAFT DER BERLINER MUSEEN

VON

KARL SCHEFFLER

Tm Jahre 1930 sollen die Bauten auf der Mu-
seumsinsel programmäßig vollendet und die
Sammlungen überall neu aufgestellt sein. Vielleicht
gelingt es. Mit der Vollendung des deutschen Mu-
seums und des Pergamonsaals, mit dem Umzug
der islamischen Abteilung und den Neuaufstellun-
gen im Kaiser-Friedrich-Museum können wir, wie
es scheint, rechnen. Jedenfalls wird nun, nach
einer mehr als zwanzigjährigen, an Zwischenfällen
und Unbegreiflichkeiten reichen Bauperiode, die
Arbeit bald abgeschlossen sein. Was jedenfalls ein
Gewinn ist, selbst wenn die alten Fehler dann
erst recht in Erscheinung treten.

In der noch bleibenden Zeit werden nun aber
Fragen aktuell, die seit langem der Lösung harren
und die jetzt gelöst werden können, wenn auf
allen Seiten guter Wille vorhanden ist. Einige
dieser Fragen seien im folgenden kurz um-
schrieben.

Die einzelnen Kunstinstitute in Berlin tun gern
so, als wüßten sie nichts voneinander. Jedes Institut
lebt für sich in insularer Abgeschlossenheit, hinter
dem Bollwerk von Ressort- und Prestigefragen.
Ein Museumspartikularismus ist eingerissen, der
die Ubersicht erschwert und den wir uns eigent-

lich aus wirtschaftlichen Gründen schon nicht lei-
sten können.

Die Werke Schadows — zum Beispiel — sind an
vier Stellen gesammelt worden: in der National-
galerie, in dem auf Abbruch wartenden Neubau
des Rauch-Schinkel-Museums, in der Akademie
der Künste und im Kaiser-Friedrich-Museum. Man
braucht gar nicht kurzerhand zu entscheiden, wo-
hin alle Werke von Schadow von Rechts wegen
gehören, ob in das in Bildung begriffene Deutsche
Museum oder in die Nationalgalerie, aber man
darf die Forderung stellen, daß die Arbeiten des
Künstlers an einer Stelle vereinigt werden. Wenn
dabei die grundsätzliche Frage erörtert werden
muß, ob die Nationalgalerie eine Galerie des
neunzehnten Jahrhunderts sein und dauernd blei-
ben soll, ob dort also beispielsweise noch Bilder von
GrafF, Tischbein, Chodowiecki usw. am rechten
Platz sind, oder ob die Sammelgrenze unstarr blei-
ben und mit der Zeit vorrücken soll, so wird
das nur von Vorteil sein. Denn in diesen Dingen
herrscht noch völlig Unklarheit und Uneinigkeit.
Es wäre nicht unwichtig, zu wissen, ob Goya als
Vorläufer der modernen Kunst behandelt und von
der Nationalgalerie gesammelt werden'soll, oder

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