Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

Page: 168
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1929/0197
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
M. A. STREMEL, WESTKAPELLE. 1893

AUSGESTELLT IM ULMER MUSEUM

CHRONIK

GRAF LEOPOLD
VON KALCKREUTH t

Im dreiimdsiebzigsten Lebensjahre ist Graf Kalckreuth auf
seinem Landsitz bei Hamburg gestorben. Er ist wie gegen
seinen Willen einst von der starken Zeitströmung erfaßt wor-
den und ist dann, als erster Präsident des Deutschen Künstler-
bundes, zum Exponenten moderner Kunstgesinnung gewor-
den. Die impressionistische Sehweise hat er vorsichtig mit
einer entschiedenen Neigung für Heimatskunst verbunden
und einen Standpunkt etwa zwischen Liebermann und Thoma
gewählt. Manches Gleichgültige hat er gemalt, aber auch
vorzügliche Bilder, vor allem Bildnisse. Eine ruhige Tüchtig-
keit war ihm eigen. Zum Besten, was er gemacht hat, ge-
hören die Zeichnungen zu deutschen Märchen. Das Ent-
scheidende lag bei ihm im Menschlichen: in der Zuver-
lässigkeit und Treue einer vornehmen Natur. Die Künstler
hatten Vertrauen zu ihm. Auch seine vielen Schüler. Als
Lehrer hat er in Weimar, Karlsruhe und Stuttgart nachdrück-
lich gewirkt. Viel verdankt er Lichtwark, der ihn nach
Hamburg zog, ihm dort Aufträge gab, und mit dem er sich
instinktiv verständigen konnte. Er stammte aus einer Maler-
familie. Sein Vater war der Landschaftsmaler Graf Stanis-
laus von Kalckreuth in Weimar. Die Vorteile, die ihm seine
gesellschaftliche Stellung im Kaiserreich gab, hat er stets
benutzt, um sich für das Echte und Starke in der modernen
Kunst einzusetzen. Mit ihm ist wieder einer der Reprä-
sentanten einer reichen und unvergeßlichen Kunstepoche
von uns gegangen.

K. Sch.

PAUL THIERSCHt
T)aul Thiersch ist am 15. November im Alter von neun-

undvierzig Jahren nach schwerem Krankenlager verschieden.
Seine Begabung war das Erbteil einer durch Talente glanz-
vollen Familie. Der Urgroßvater Friedrich Thiersch, der große
Philologe und Freund Ludwigs I., war ein Haupt des poli-
tischen Philhellenismus. Der Großvater Heinrich Thiersch
gründete die apostolische Gemeinde (Irvingianer) in Deutsch-
land. Der Vater August Thiersch, Erbauer der Ursulakirche
in München, war ein bedeutender Architekt, wenn auch
nicht so berühmt wie sein Bruder Friedrich v. Thiersch.

Der Architekt Paul Thiersch hatte die Leidenschaft für
den erhabenen Stil, zugleich aber für strenge und liebevolle
Durchführung bis in die letzte Einzelheit. Als Maßstab für die
Gegenwart verehrte er unbedingt Stefan George. Er war zuerst
tätig am Stadtbauamt München, dann in Osnabrück. Peter
Behrens, bei dem er 1906 in Düsseldorf einige Zeit Assi-
stent war, hat sein Schaffen entschieden beeinflußt. 1907
wurde er Assistent an der Kunsrgewerbeschule in Berlin und
1915 als Direktor an die Handwerkerschule Halle berufen,
um ihr eine Kunstgewerbeschule anzugliedern, welcher er in
den Werkstätten in der alten Burg Giebichenstein ihre eigen-
artige Form verlieh. Ehe er seine Lehrtätigkeit als Professor
an der Hochschule Hannover antreten konnte, setzte der Tod
seinem feurigen Gestaltungswillen ein Ende. Eine feindliche
Zeit hat die meisten seiner monumentalen Pläne nicht zur
Ausführung kommen lassen; vollendet ist vor allem die Brücke
in Halle. Der große schon begonnene Flughafen Halle-Leipzig
wird nach seinem Projekt weitergeführt. K. H.

168
loading ...