Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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NEUE LITERATUR UBER ITALIENISCHE KUNST

VON

OSKAR FISCH EL

l^\ie Wendung zur heimischen Kunst, eine der glücklichen
■»--^Folgen unserer Isolierung nach dem Krieg, hat die Hoch-
flut der Italienforschung gerechterweise eingedämmt. Wir
wußten schließlich an jeder Straßenecke und hinter jedem
Torweg in Florenz besser Bescheid, als in unseren eigenen
Städten, und sonnten uns im Besitz namensreicher Register
von Verlegenheitsmeistern fünften und zehnten Ranges, bis
zu den „Alunni di Neri di Bicci", die nun schon, peinlich
ernst genommen, über dem Kleinkram des Kunsthandels
schweben.

Täuscht es nicht, so trat ein günstiger Wandel ein: die
Quantität des Betrachtungsfeldes ist der Qualität gewichen.
Nicht das schlechthin klassisch genommene Italien wird mehr
umworben. Auf diesem akademischen Standpunkt gefällt
sich nur noch die Barockforschung. Vielmehr sucht man
das, persönlich unsere Zeit Angehende, zu erfassen: die
Äußerung ungebrochener seelischer Energie in der Gotik,
die mächtigen Persönlichkeiten der wieder zu innerer Samm-
lung gelangten Hochrenaissance.

Man kann es doch kaum für Zufall halten, wenn in der
allerletzten Zeit sechs Bücher über Giotto herausgebracht
wurden. Unerreicht in seiner Fähigkeit, Giottos Kunst zu
einer innerlichen Angelegenheit des Betrachters zu machen,
aus der Begegnung von charaktervoller Konzentration mit
dem stärksten Selbstbekenner des jungen europäischen Städter-
tums bleibt Friedrich Rintelens Werk (Benno Schwabe,
Basel). Es ist vertieft, und umgearbeitet, noch kurz vor dem zu
frühen Tode des stets gerüsteten Verfassers erschienen.

Das völlig entgegengesetzte Giotto-Buch Wilhelm
Hausensteins (Propyläenverlag, Berlin) wird wohl über-
blinkt von den bengalischen Feuern des Verfassers, aber sein
Text ist geleitet und bestimmt von einer so völligen Hin-
gabe an die Quellen zur Erkenntnis dieses großen Schöpfers,
Literarisches und Künstlerisches wird gleicherweise so fein-
fühlig und produktiv interpretiert, daß dem Leser schließlich
ein bei kunstgeschichtlichen Büchern seltenes Resultat bleibt:
die groß umrissene, atmende starke Erscheinung des Helden.

„Giotto in der mittelalterlichen Geisresentwicklung" (Augs-
burg, Benno Filser) sucht Erwin Rosenthal zu schildern.
Eine Fülle von Belesenheit schüttet das interessanteste Ma-
terial an Zeitdokumenten aus. Die internationale Stellung
des großen Italieners gegenüber seinen nordischen Genossen
wird erwogen. Aber in der Abstraktion bleibt eine unüber-
brückte Kluft zwischen dem Buch und der Besonderheit des
großen Bildners; der Geist gerade dieser Zeit ist am wenig-
sten mit den alexandrinischen Mitteln der sogenannten Geistes-
geschichte zu erfassen.

An Kurt H. Weigelts kritisch gesichtetem Giotto-Mate-
rial im roten Band der Klassiker der Kunst (Deutsche Ver-
lagsanstalt Stuttgart) wird jeder die willkommene Ergänzung
zu jenen Biographien begrüßen. Die Bilder, klarste Reproduktion
mit schönen Details, sind chronologisch geordnet; über die
Zuweisungen und Abschreibungen ist im Text so offen Rechen-
schaft gelegt, daß jeder versuchen kann, sich sein Urteil zu

bilden in einer Zeit, da um die wenigen sicheren Serien
von Padua und S. Croce, noch dazu Ruinen, so gut wie
alles schwankt.

Als deutsche Übersetzung des italienischen Textes von
Carlo Carra, mit 192 Lichtdrucken in der bekannten italie-
nischen Ausführung, bringt der römische Verlag der Valori
plastici einen stattlichen Giotto-Band heraus. Man ist geneigt,
dem Italiener die größere Nähe zur Kunst seines Landes
zuzutrauen; doch hat Deutschland gerade so stark um Giotto
gerungen, die gleichsam unterirdischen übernationalen Zu-
sammenhänge zwischen nordischem Empfinden und dem
südlichen Gotiker aufzuspüren gewußt, daß wir in diesem
Buch ebensogut eine willkommene Bestätigung, wie eine
Belehrung begrüßen. Der Autor hält es für seine Pflicht, be-
lesen wie er an sein Thema ging, sich fast mehr mit deut-
scher Literatur von Rumohr und Hegel bis auf Thode und
Rintelen, als mit seinen Landsleuten auseinanderzusetzen.
Das einzig Befremdende an diesem Buch wäre die Aus-
stattung. Warum muß das Land der Originale und der besten
Photographen die schlechtesten Reproduktionen in die Welt
setzen? Zur guten italienischen Drucktradition fand man
hier endlich zurück, aber die saucigen Lichtdrucke stellen
die Schönheit des Buchs in Frage.

An den Autor, der zuerst wieder bei uns für Giotto als
innerlichsten Gestalter kirchlicher Kunst geworben hat, den
geistreichen und phantasievollen Verfasser des Franz von
Assisi, Henry Thode, erinnert noch einmal das Bändchen
der Velhagen & Klassingschen Künstlermonographien.
Vieles daran wird durch die neuere Giotto-Forschung anders
beurteilt; das hat Fritz Volbach mit kundigem Fleiß in einem
Anhang zusammengestellt. Aber er ließ pietätvoll den Text
bestehn. Sein Reiz beruht gerade in der Individualität Thodes,
der in seltener Einheit der Instinkte und mit hohem Intellekt
zu den begeisternden Führern gehörte. Auch hier bringen
155 vorzüglich gedruckte Abbildungen die große Kunst zur
Anschauung.

Man kann bei solchem Reichtum an Giotto-Publikationen
wohl von einem Kultus der Gotik sprechen. Würdig führt da-
mit zugleich Nicolö Pisano den Chor der Bildhauer herein.
Georg Swarzenski bringt als ersten Band der Serie „Meister
der Plastik" (Iris-Verlag, Frankfurt a. M.) den großen Bild-
hauer, der die Tradition zum Ausdruck der neuen Zeit über-
leitete. Vom „mittelalterlichen Pompeji", dem Domplatz von
Pisa, geht die Wanderung an diesen Abbildungen hin: die
Kanzel im Baptisterium, die reichere im Sieneser Dom, der
Marktbrunnen in Perugia. In 127 Tafeln zieht Fülle und
Gewalt der gotischen Marmor-Komposition vorüber, die
wundervolle Freiheit in der Bindung an Platz und Material,
die nie wieder übertrofFene Macht des Ausdrucks. Der Text,
aus tiefer Kenntnis mittelalterlicher Kunst heraus, bereitet
das Verständnis für die epochale Umwälzung vor, die durch
Nicolos Sohn Giovanni erfüllt werden sollte. Der Band über
ihn folgt hofFentlich bald.

Die Velhagen & Klasingschen Monographien revi-

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