Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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VINCENT VAN GOGH, BRÜCKE BEI ARLES. 1888

GEDANKEN UBER VAN GOGH

GELEGENTLICH DER AUSSTELLUNG DER SAMMLUNG KRÖLLER-MÜLLER IM KRONPRINZENPALAIS

VON

KARL SCHEFFLER

Die Bewegung um van Gogh kommt nicht zur
Ruhe. Immer noch wirkt das ekstatische
Menschentum, wirkt die erregte und erregende
Kunst dieses Künstlers nach. Und immer wieder
ist man gezwungen, sich zu fragen, ob in dieser
leidenschaftlichen Wirkung mehr Fruchtbares oder
mehr Störendes ist. Die Gefahren, die bisher schon
von dieser genialen Persönlichkeit ausgegangen
sind, werden angedeutet, wenn man daran er-
innert, daß religiöse Schwärmerei ansteckend wir-
ken kann und daß in van Gogh viel religiöse
Schwärmerei war. Ein Problematisches und eben
darum auch Faszinierendes seiner Erscheinung liegt

darin, daß er sich nicht „in die Reihe" gestellt
hat. Er ist aufrührerisch, anarchisch hervorgetreten,
er war ein Einmaliger. Ein Bekenner war er, eine
Gestalt, die einem Roman Dostojewskis entsprun-
gen zu sein scheint. Was immer er tat: er meinte
es apostolisch. Das Wunder ist nun, daß er bei
solcher Anlage kein Gedanken- und Ideenmaler
wurde, sondern ein ungewöhnlicher malerischer
Gestalter. Ja, er hat nicht einmal — nach Gau-
guins herrischer Forderung — aus dem Kopf ge-
malt, sondern fast nur nach der Natur. Vor der
Natur erst wurde er phantasievoll, vor der Erschei-
nung nur konnte er abstrahieren und — über-

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