Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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PREISE FÜR ANTIKE KUNST

Tj^s ist eine ebenso merkwürdige wie im allgemeinen wenig
' bekannte Tatsache, daß die in aller Welt am höchsten
verehrte Kunst, nämlich die der klassischen Antike, durch-
schnittlich den schlechtesten Markt hat. Einer der Gründe
dieser höchst auffallenden Erscheinung mag darin zu suchen
sein, daß die Meisterwerke antiker Kunst zum weitaus größ-
ten Teil als Ergebnis von Grabungen unmittelbar und ohne
Vermittlung des Kunsthandels in die großen europäischen
Sammlungen gelangten, und daß darum eine Preisbildung
nicht erfolgen konnte. Es kommt hinzu, daß überlebens-
große Marmorfiguren sich in moderne Privaträume schwer
einfügen. Die Museen stehen also im Wettbewerb ziemlich
allein, und man kann es verstehen, daß es dem dänischen
Brauer Jacobsen noch vor gar nicht langer Zeit gelungen
ist, ein Museum antiker Kunst anzulegen, das neben den
berühmten alten Sammlungen wohl zu bestehen vermag.

Weniger leicht begreiflich ist es, daß es auch der antiken
Kleinkunst an einem festen Markte ebenso wie an einem
breiten Sammlerpublikum fehlt. Friedrich von Gans war
durch viele Jahre auf diesem Gebiete der einzige Käufer
großen Stiles. Seine erste Sammlung bildet heute eine
Zierde des Berliner Antiquariums. Seine zweite Sammlung
gelangte in den Kunsthandel, und berühmte Hauptstücke
sind noch heute unverkauft, Teile dieser Sammlung erwarb
Herr Baurat Schiller, wiederum nach Gans der einzige ernst-
hafte Liebhaber, dessen Schätze ein Jahr lang im Berliner
Antiquarium öffentlich ausgestellt waren, um nun bei Lepke
versteigert zu werden.

Man konnte gespannt sein auf das Ergebnis dieser Ver-
steigerung, aber wenn man eine sichere Grundlage der
künftigen Preisbildung erwartete, so war man insofern ent-
täuscht, als scheinbar nicht alle Preise, die genannt wurden,
auch wirklich bezahlt worden sind, da die Gebote hinter
den hohen Limiten zurückblieben. Es können darum we-
niger die Preise interessieren, die für Stücke von einzig-
artigem archäologischem Werte, wie die beiden wahrschein-
lich phönizischen Goldkronen, für die das höchste Gebot
noooo Mark lautete, genannt wurden, als die mittleren
Preise, die für Stücke, wie sie der Handel kennt, bezahlt

worden sind. Es gab hübsche goldene Fingerringe für durch-
schnittlich 200 Mark, schöne antike Halsketten für 1—2000
Mark, reizende Ohrgehänge für den gleichen Preis — nur
die beiden entzückenden goldenen Eroten gingen mit 7500
Mark weit darüber hinaus. Unter den Gläsern wurden die
Millefiori- Arbeiten, die schon im Altertum sehr begehrt
waren, recht hoch bewertet, am höchsten zwei farbige
Schalen, für die das Endgebot 14000 Mark lautete, weniger
bedeutende Stücke kamen auf 2000 bis 4000 Mark. Die
üblichen Gläser, von denen die Sammlung zahlreiche gute
Beispiele enthielt, waren für etwa 150 bis 300 Mark zu ha-
ben, nur wenige durch besondere Form oder Irisierung aus-
gezeichnete Beispiele brachten erheblich höhere Summen.
Die wenigen Terrakotten waren nicht von sonderlicher (Qua-
lität und blieben niedrig im Preise. Die Figur eines stehen-
den Mädchens mit dem Meisternamen Attinas war für 530
Mark zu haben. Unter den Vasen war das hervorragendste
Stück eine attische schwarzrigurige Amphora aus dem sechsten
vorchristlichen Jahrhundert. Wenn ein solches Stück für
3700, und wenn eine kleinere, vielleicht noch reizvollere
Hydria der gleichen Gattung für 1900 Mark verkauft wur-
den, dann darf man wohl mit Recht behaupten, es sei nichts
billiger als antike Kunst. G.

*

Mit der Sammlung Marius Paulme, die am 13. Mai bei
Georges Petit in Paris zur Versteigerung gelangt, wird dem
Markt eine große Zahl bedeutender Zeichnungen des fran-
zösischen ahtzehnten Jahrhunderts zugeführt. Vor allem ist
Boucher mit nicht weniger als vierundzwanzig Blättern viel-
seitig und gut vertreten. Unter dem Namen Fragonard
findet man neunzehn Nummern verzeichnet. Blätter von
Debucourt, Greuze, Huet, Hubert Robert, Portail, Moreau,
Oudry, Le Prince, Cochin, Eisen, Guardi verdienen Erwähnung.
Neben den Zeichnungen, die übrigens sämtlich in Rahmen
ausgeboten werden, gelangen Skulpturen des siebzehnten
bis neunzehnten Jahrhunderts zur Versteigerung. Carpeaux,
Clodion, Falconet, Houdon, Pajov, Pigalle nennt der Katalog,
den der verstorbene Besitzer selbst bearbeitet hat.

SIEBENUNDZWANZIGSTER JAHRGANG, ACHTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 15. APRIL, AUSGABE AM 1. MAI NEUN-
ZEHNHUNDERTNEUNUNDZWANZIG. REDAKTION KARL SCHEFFLER, BERLIN; VERLAG VON BRUNO CASSIRER, BERLIN
GEDRUCKT IN DER OFFIZIN VON FR. RICHTER G.M.B.H., LEIPZIG
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