Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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er schafft sich keine Freiheit in luftig schweifender Weite,
sondern gestaltet körperlich erfüllte, von plastischen Größen
durchstellte Räume; daher die gedrungene Macht und die,
Spannungen bändigende, Ruhe seiner Landschaftsbilder. Die
Fruchtbarkeit dieser Grundsätze Rosenbergs erweist sich,
abgesehen von ihrer Ergiebigkeit für allgemeinere Vergleiche
(Architekturbild, Seestück), auch daran, daß sie durch ihre
Gegensätzlichkeit auch die vielleicht etwas mehr zu be-
tonenden Grenzen der Landschaftskunst Ruisdaels erfaßbar
machen: seine Landschaften werden durch pathetische Er-
höhung zu Architekturen oder sie nähern sich der Allegorie
in dem Maße, als sein Naturgefühl gehemmt war, nicht
ganz naiv mit der Welt in Sympathie trat. Seine Natur ist
nicht mehr im Treiben und Quellen. Auf dem Höhepunkt
ihres Wachstums scheint sie angehalten und neigt sich dem
Verfall zu; sein Licht ist nur ein fahler Widerschein der
Sonne, die Kühle seiner Schatten beklemmend, seine Palette
fast monoton; seine Hoheit bleibt nicht ohne Starrheit. Die
Mattheit seiner letzten Werke ist vielleicht doch mehr als
Altersmüdigkeit.

Mit dem Blick auf die Einheit von Ruisdaels Stil er-
örtert Rosenberg die spezielleren Fragen der historischen
Kritik: nicht die Vergleichung von Einzelmotiven, sondern
das Studium der Kompositionsformen befähigte ihn zum
Aufbau der Chronologie. Hierin sieht sich die Forschung
durch Rosenberg am meisten gefördert. Bisher gruppierte man
Ruisdaels Lebenswerk nach wenigen ziemlich allgemeinen
Gesichtspunkten: die Frühwerke der Haarlemer Jahre son-
derte man ab, alles übrige pflegte man als eine kaum mehr
zu differenzierende Einheit anzusprechen, höchstens daß die
dunkleren Bilder als die späteren ausgegeben wurden; Da-
tierungen wurden bei dem spärlichen Anhalt an Jahres-
zahlen kaum gewagt. Nun ist es Rosenberg gelungen, den
Kompositionen Gesichtspunkte zu entnehmen, mit denen
ein gleichmäßigeres Verständnis für alle Phasen der Ent-
wicklung und eine genauere Unterscheidung der Abschnitte
seines fünfunddreißigjährigen Lebenswerkes möglich wurde:
es konnte nunmehr Jahrfünft für Jahrfünft genauer präzi-
siert werden. So ersteht ein ganz neues, reicheres und be-
wegteres Bild von Ruisdaels Laufbahn- Schneller als man

bisher anzunehmen pflegte, hat er seinen Aufstieg voll-
zogen und mit jugendlicher Genialität seinen großen Stil
ausgebildet: Hauptwerke, wie der Dresdener Judenfriedhof,
sind früh, um die Mitte der fünfziger Jahre entstanden,
Erzeugnisse des von Rosenberg besonders eindrucksvoll be-
schriebenen „heroischen Stils". Wechselreicher, als wir es
bisher gesehen haben, ist Ruisdaels Entwicklung verlaufen:
jenem ersten Höhepunkt seines Schaffens ist um die Mitte
der sechziger Jahre ein zweiter gefolgt (Mühle von Wyk),
nach einer Zwischenzeit, in der Ruisdael — für Beeinflussun-
gen empfänglicher — die bedrohliche Geschlossenheit der
Massen räumlich aufgelockert, den eng umhegten weit sich
erstreckende Landschaftsräume hatte folgen lassen, die hef-
tigeren Gegensätze zu harmonischerem Ausgleich — auch
der Licht- und Dunkelwerte — gebracht hatte. Die stille,
flächenreine, weite Räume klärende späte Kunst findet in
Flachlandschaften ihre höchste Erfüllung; alsbald erreichte
Ruisdaels Stil in zierlicher Kleinform und Parkähnlichkeit
seinen letzten Ausklang.

Die von Rosenberg begründete Zeitfolge der Bilder halte
ich für durchaus gesichert, wenn auch zugestanden werden
darf, daß sich für das eine oder andere Bild eine noch
überzeugendere Einordnung ermitteln ließe. Es könnten
z. B. die hier besprochenen Seestücke weniger weit aus-
einander liegen, bei dem Strand der Sammlung Greville,
London (Abb. 141), eine Verwandtschaft mit Salonion van
Ruysdael für die Datierung belangreich werden, gleichwie
bei der Winterlandschaft im Staedel (Abb. 128) die Erinne-
rung an A. v Everdingen und J. v. d. Cappelle. Und wenn
Rosenberg Ruisdaels Wasserfälle und gelegentlich auch ein
Seebild mit der Berufung auf Everdingen zu Recht erklärt
hat, so möchte ich doch auch das Beispiel des Ph. Köninck
und der Italianisten im Umkreis des J. Both für Ruisdaels
Vielseitigkeit und Wandelbarkeit nicht zu gering einschätzen.

Der wissenschaftlichen Arbeit Rosenbergs hat sich der
Verlag mit Stolz angenommen, das Buch prachtvoll gedtuckt
und üppig ausgestattet, die Lichtdrucke so sorgfältig überwacht,
daß sie viel von Ruisdaels metallischer Schärfe und glasigem
Dunkel enthalten und so vollkommen ausfielen, wie es bei
der Schwierigkeit der Vorwürfe nur verlangt werden konnte.

SCHLOSS BABELSBERG

Georg Poensgen, Schloß Babelsberg. Berlin, Deut-
scher Kunstverlag, 1929.

Die Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten
gibt in ihrer verdienstlichen Serie für das viel zu wenig
besuchte und bekannte Lieblingsschloß Wilhelms I. einen
neuen anmutigen „Führer" heraus, der in Vor- und Bau-
geschichte dieses Cottage, in Schloß und Park mit zahl-
reichen Abbildungen, mit Grundriß und Plan einführt. Dr.
Poensgen hat die reizvoll-schwierige Aufgabe mit Takt und
Geschick gelöst, das Werden dieses anglisierenden Schinkel-
baus, den fatalen Um- und Verbau durch Persius und Strack,
die Verschlimmbesserungen der Spätzeit, auch das historisie-

rende Schmuck- und Bauwesen des vermenschten Parkes
klar und anschaulich gemacht. Ein ganzes Menschenleben
spiegelt sich in dieser mitwachsenden langbewohnten Schöp-
fung (1835—88) des von einer kunstfreundlichen modischen
Gattin beratenen Prinzen, Regenten, Königs, Kaisers, der
hier in seiner bescheidenen pietätvollen Menschlichkeit fühl-
bar wird. Das so schwer genießbare Bauwerk, das uns
heute wie ein oft korrigiertes autobiographisches Schriftstück
erscheint, wird durch das preiswerte Heftchen als Geschichts-
quelle einer versunkenen Zeit und eines vergessenen Lebens
wieder lesbar, verständlich und liebenswert.

Eberlein.

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