Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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Doch will ich keinesfalls in die Vermessenheit geraten,
in Derain einen Eklektiker zu sehen, dazu steht er mir zu
hoch. Aber es ist eine gewisse Verhaltenheit seiner Stimme
in der Nähe so vieler Götter fühlbar. Glückliches Frankreich,

wie bist du wach in deinen Gärten! Deine silberhelle Luft
erglänzt! Dein Künstlertum, deine Ordnung, deine Überlegt-
heit, deine Gesetzmäßigkeit — dein Derain erzählt uns davon
— wir müssen ihn lieben!

ANDRE DERAIN, FLUSSLANDSCHAFT. ZEICHNUNG. 1922

SAMMLUNG MARIO UZIELLI. MIT ERLAUBNIS DER D. D. A. AUSGESTELLT IN DER GALERIE FLECIITHEIM, BERLIN

KUBINSCHE GESPENSTER

VON

RUDOLF GROSSMANN
GELEGENTLICH DER AUSSTELLUNG IN DER MODERNEN GALERIE WERTHEIM

T7*s ist doch immer das Traumreich", schreibt Goethe ein-
' mal an Herder, „wie ein falscher Lostopf, wo unzählige
Nieten und höchstens kleine Gewinnstchen untereinander ge-
mischt sind." Dieses gilt nicht für Kubin, der von seinen
Wachträumen sein ganzes Oeuvre herleitet. Seine Traumge-
sichte, in denen er tatsächlich lebt, sind seine Treffer ge-
worden.

Der gestaltende Künstler vernichtet, um zu seiner Bild-
form zu kommen, die Form der Außenwelt, er erfindet sie
gewissermaßen neu im Geiste. Wie ist es aber bei Kubin?
Er steht von vornherein mit der Realität auf sehr gespann-
tem Fuß und ist eigentlich mehr Ideen- als Formenkünstler.
Da steht ein Baum. Ihn als Baum abzubilden, nur als Baum,
interessiert Kubin nicht; er spintisiert um ihn herum. „Sehen

Sie diese drohende Geste seiner Aste, die wie Arme gestiku-
lieren! Der da ist ganz männlich, jener ist weiblich,
zurückhaltend, mehr hingebend" — sagte er einmal auf
einem Spaziergang. Er kann mit der realen Umwelt nichts
Rechtes anfangen, er muß von ihr wegdenken. Sie stört
ihn sogar, so daß er sie durch Träume und Phantome er-
setzt, sie damit bemäntelt, um sie überhaupt ertragen zu
können.

Auf einem eiförmigen, blassen Kalmückenschädel mar-
kieren sich allerhand Krixel-Kraxel, feine Fältchen wie von
Kinderhand gezeichnet. Die schwarzen, aus dem Blaß her-
vorstechenden Augen haben etwas Ergriffenes, etwas panisch
Erschrecktes. Eine Begegnung mit Kubin hat nichts All-
tägliches. Sein Gesicht überfällt einen, er begrüßt den Be-
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