Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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U N S T A U ;

DIE JAMES ENSOR-AUS-
STELLUNG IN BRÜSSEL

DIE MASKEN IN KREFELD

Es war die umfassendste Ausstellung,
die jemals diesem führenden belgischen
Künstler gewidmet wurde. 337 Ge-
mälde, 13 5 Radierungen, 325 Handzeichnungen füllten (nach dem
Kataloge) die sämtlichen Ausstellungsräume im Obergeschosse
des neuen Palais des beaux-arts. Die „schon ein wenig veral-
tete Romantik", die K. Scheffler in seiner Geschichte der euro-
päischen Malerei als Kennzeichen von Ensors Kunst hervor-
hebt, verhinderte keineswegs eine überraschend starke Ge-
samtwirkung, denn neben mancher „Turlupinade" und man-
chem Kunstwerke, das mit den Attributen des Todes und des
Grauens ein Spiel wie mit dem Tennisschläger zu agieren
schien, befand sich sehr vieles, was unsere noch unzuläng-
liche Kenntnis von diesem so merkwürdigen, aber keines-
wegs ganz abseitigen Künstler vermehrte. Das Hauptereignis
der Ausstellung war das große, bereits im Jahre 1888 ent-
standene Gemälde, ,,Der Einzug Christi in Brüssel" aus dem
Atelier des bald Siebzigjährigen. Zweifellos das Stärkste, was
Ensor geschaffen hat, das Kühnste und trotz aller Verbun-
denheit mit der alten vlämischen Malerei auch Revolutio-
närste. Hier ist, wie manchmal bei Münch, Aussage An-
klage, und aus dem farbigen Gesträhn des unglaublich bunten
und in seiner Buntheit doch harmonischen Riesenbildes lösen
sich ganz wilde Fanfaren, wie wir sie bei diesem Meister
des Pianospiels sonst nicht zu hören gewohnt sind. Hier,
aber auch in anderen Gemälden und besonders auch in den
besten Radierungen, erhebt sich Ensors Kunst zu europäi-
schem Range. Man versteht den Stolz der Belgier, die nach
langer Verkennung dem alten Herrn, der es fertig gebracht
hat, comme philosophe in Ostende zu leben, alle Ehren zu-
erkennen, die der Staat zu vergeben hat. Die schönste ist
zweifellos die fast leidenschaftliche Zuneigung, die James
Ensor auch von der jüngsten belgischen Malergeneration ge-
zollt wird.

Kurz hinterher sah ich in Krefeld die Ausstellung „Mas-
ken", mit der Dr. Max Creutz, der geschmackssichere Direktor
des Kaiser-Wilhelm-Museums, dem rheinischen Karneval
eine sehr erlaubte Konzession gemacht hat. Fäden spinnen
sich hier von dem Exotismus der Masken von Japan, Indo-
nesien, Afrika, Amerika und Ozeanien zu den Bildern Noldes
und verwandter deutscher Künstler, auch zu denen von Ensor.
„Der Tod und die Masken" ist ja eins der Gruselstücke aus
Ensors Repertoir. Creutz hat es verstanden, durch geschickte
Regie aus diesen teils schauerlichen, teils grotesken Masken
so etwas wie ein heiteres Blumengewinde zu schaffen.

Walter Cohen.

WIEN

Wenn die Wiener Kunstschau ihre Ausstellung bei der
Sezession veranstaltet, ist es, wie wenn eine schnippische
Kusine bei einer sehr solid gewordenen Tante zu Gast ist;
man erwartet immer, daß sie ihrer guten Wirtin einen über-
mütigen Streich spielt. Diesmal erweist sich der Backfisch

STELLUNGEN

jedoch auffallend gesetzt; auch in der Kunstschau sind die
führenden Persönlichkeiten allgemach ins Schwabenalter ge-
langt und die Jungen sind bekanntlich heute überall in der
Welt zahmer und weiser als die Alteren. Die Tragödie der
Vierzigjährigen — das Alter- und Reicherwerden, das zu-
gleich ein Stück Verfall und Verzicht in sich schließt —
legt einen melancholischen Schatten über die Veranstaltung;
vielleicht weil Faistauer, obwohl er nicht den Hauptsaal be-
zogen hat, dennoch als ihre am meisten abgeschlossene
Persönlichkeit wirkt. Seine zwei Säle umfassen eine ähnliche
Kollektion, wie sie jüngst bei Hartberg in Berlin zu sehen
war, aber die gepflegte Malkultur des Künstlers entfaltet
sich in Wien weniger einheitlich, weil unsere genauere
Kenntnis seines Werdegangs die einzelnen Phasen seiner
Entwicklung stärker hervortreten läßt. Das Dutzend Jahre,
das hier vertreten ist, glänzt von vielen Facetten einer
reichen Begabung; die sinnliche Freude am Handwerk scheint
immer siegreicher obzuwalten. Der Antipode Faistauers in
der Kunstschau und in der österreichischen Malerei über-
haupt ist heute Herbert Böckl. Was immer er malt —
und diesmal auch ein skulpturaler Temperamentsausbruch,
ein auf sein lebendiges Kräftespiel reduziertes galoppieren-
des Pferd — sieht von jeder Bemühung um Gefälligkeit
ab, es erschreckt durch das Ungestüme, mit dem hier ein
starker Mensch mit seiner künstlerischen Fatalität ringt. In
diese wehleidige Stadt und diese leisetretende Zeit paßt
eine solche Erscheinung schlecht, die überdies, auf dem
schwereren Weg, den sie geht, langsamer vorwärts kommt
als die leichteren Begabungen. Böckl ist viel weniger fertig
als diese, noch nicht seiner ganz mächtig und noch nicht
in seine bleibende Formel eingeschlossen; aber wie bei
seiner Gesamtausstellung vor einem Jahr strömt auch dies-
mal von der Kraft, mit der er auch danebenzuhauen wagt,
sicheres Vertrauen aus.

Um diesem künstlerischen Zweikampf Faistauer-Böckl
gruppieren sich die übrigen Kunstschauleute: Andersen,
Böhler, Clementschitsch, Eisner, Fischer, Gütersloh, Ernst
Huber, dessen leichtflüssige Landschaftsschilderung doch ge-
fühlsstark bleibt, und Franz Zülow, dessen phantastische
Märchenwelt diesmal all Zu improvisiert erscheint. Ein
fesselndes Zirkusbild zeigt Alfred Wickenburg. Ein paar
Kleinplastiken von Johannes Knubel, viel Graphik von Ku-
bin und dem Holzschneider Karl Rössing (Düsseldorf), der
in altfränkischem Illustrationsstil ernste Zeitsatire übt. Ko-
koschka hat man durch das Ausstellen zweier reichlich zwanzig
Jahre alter Arbeiten und eines wenig charakteristischen
Bildnisses aus neuerer Zeit unwillentlich — oder willentlich —
einen schlechten Dienst geleistet. H. T.

AUSSTELLUNG ZEITGENÖSSISCHER
FRANZÖSISCHER GRAPHIK IN BERLIN
Tn Frankreich ist — anders wie in Deutschland — die Kunst
des Radierens während des ganzen neunzehnten Jahr-
hunderts nicht erloschen. Es gab eine Tradition der Technik,
die sich bis in unsere Gegenwart vererbte. Es gibt noch heute,
ähnlich wie in England, eine Kunst des Radierens, die sich von
Rembrandt und seinen holländischen Zeitgenossen herleitet,

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