Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 27.1929

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FRITZ FRIEDRICHS, SELBSTBILDNIS. 1917

AUSGESTELLT IM KUNSTVEREIN HAMBURG

FRITZ FRIEDRICHS
1882 — 1928

VON

FRIEDRICH AHLERS-HESTERMANN

l^\as Gericht billigt einen Anwalt auch demjenigen zu, der
nicht in der Lage ist, sich selbst einen zu nehmen. Bei
einem unbekannt verstorbenen Künstler bestellt kein Gericht,
kein Amt den Sprecher vor dem Forum der Nachwelt, und
wenn er in einer abgelegenen Stadt gelebt hat, so kann es
sehr lange dauern, bis sich jemand findet, der da sagt: Hier
war einer, der wert ist, mitgerechnet zu werden! Daß Fritz
Friedrichs aus Hamburg mein Freund und Kamerad gewesen
ist durch viele Jahre, daß wir mit ein paar andern, die nun
auch alle tot sind, einst zusammen aufbrachen zu jenen sich
immer weiter verschiebenden Horizonten, das allein würde
es noch nicht rechtfertigen, an dieser Stelle für ihn einzu-
treten. So habe ich mich denn mit aller Gewissenhaftigkeit
befragt, ob nicht etwa die Nahperspektive, aus der ich ihn
sehen muß, mir die Proportionen seines Werkes verschiebt,
ob nicht das dunkle Triebwerk einer skalenreichen Sensi-
bilität und die helle Welt einer hohen Intelligenz, in die sich
hineinschauen konnte lange Jahre hindurch, mich auch in
seine Kunst etwas hineinsehen läßt, was er nicht realisiert
hat. Aber vor den etwa siebzig Bildern, die eine Gedächtnis-
ausstellung im Hamburger Kunstverein jüngst zeigte, ver-

schwanden diese Skrupel, denn das Ringen eines echten
Künstlermenschen, das Ringen und das Errungene, gab einen
über allem Persönlichen stehenden Eindruck und die freudige
Bestätigung längst zurückliegenden Werturteils.

Schmerzlich-klar stieg die Erinnerung wieder auf, zumal
bei den Frühwerken, an diese sonnigen Nachmittage in stillen
Dörfern, wo wir beide unsere Staffeleien zusammen aufge-
stellt hatten, an Entdeckungsfahrten in den Vorstädten von
Hamburg, an das Erstaunen über farbige Kühnheiten des
Kameraden (wie bescheiden wirken sie heute!). Reflexe ge-
meinsam gesehener, gemeinsam verehrter Kunstwerke tauch-
ten auf und die endlosen aufwühlenden Gespräche, die sich
daran geknüpft haben, nachts im Cafe, in einsamen Straßen
auf dem Nachhausewege, wo man sich schon früh das Wort
gegeben hat, daß wir lebenslänglich nach dem „Großen und
Reinen" streben würden, nach dem, was uns unter „Kunst"
und „Form" dunkel vorschwebte. Denn wir wollten — wenn
wir gleich äußerlich so anfingen — keine harmlosen Wald-
und Wiesenmaler werden, keine Heimatkünstler, die ver-
sonnen und beschaulich das Naheliegende mit immer dünner
werdendem Gefühl abmalten. Lichtwarck, dessen Abneigung

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